‘Romania emersa’: Die Gesta Hungarorum und die rumänische Sprachgeschichte





Abstract

Die Expansion des Römischen Reichs führte zu einer massiven Akkulturation der integrierten vorrömischen Bevölkerung. Dieser komplexe als Romanisierung bezeichnete Prozess implizierte die unterschiedlichsten kulturellen Techniken, nicht zuletzt auch die Sprache(n): Nach einer mehr oder weniger langen Phase der Zweisprachigkeit vollzog ein Großteil der Bevölkerung einen Sprachwechsel zum Lateinisch-Romanischen, weshalb dieser Raum von der Sprachwissenschaft auch ‘Romania’ genannt wird. Im allergrößten, west- und zentraleuropäischen Teil werden bis heute in einem zusammenhängenden Gebiet romanische Sprachen gesprochen; dafür wurde der Ausdruck ‘Romania Continua’ geprägt. Im nördlichen Grenzgebiet, in Britannien und weithin im osteuropäischen Teil wurde das Lateinisch-Romanische jedoch seinerseits durch andere Sprachen verdrängt; man spricht von der untergegangenen Romania, der ‚Romania Submersa‘. Hier gilt es allerdings zu differenzieren, denn vor allem in den heute deutschsprachigen Gebieten des ehemaligen Imperium Romanum ist regional und sogar lokal – trotz Sprachwechsel – immerhin eine substratale Kontinuität des Lateinisch-Romanischen in Gestalt von Entlehnungen sowie in einer Toponymie erkennbar, die antike Typen erhält, deren Verbreitungsgebiet sich jenseits der Sprachfamiliengrenze, im aktuell romanischsprachigen Gebiet, fortsetzt. Daraus kann man nur den Schluss ziehen, dass sich auch die Sprechergemeinschaften der verdrängenden Sprachen in einer mehr oder weniger lange dauernden Phase der Zweisprachigkeit romanisch akkulturierten. Die damit einhergehende Siedlungskontinuität wird auch in archäologischer Sicht vielerorts bestätigt. Ein ganz anderes Bild zeigen die heute romanischsprachigen Räume Südosteuropas, deren Varietäten meist generisch als ‘rumänisch’ apostrophiert werden: Zwar ist die Überlieferungskontinuität vom Lateinischen zum aktuellen Romanischen offensichtlich; aber die räumliche Kontinuität lässt sich auf toponomastischer und dialektologischer Basis nicht bestätigen. Es wäre daher angemessen von einer emergenten, einer ‚Romania Emersa‘, zu sprechen.

... eine Anmerkung vorweg1       

1. Ein Hinweis auf Kontinuität in der mittelalterlichen Historiographie

Rudolf Windisch hat verschiedentlich und stets mit Nachdruck (1981, 2020) auf die Bedeutung der Gesta Hungarorum für die rumänische Sprachgeschichtsschreibung hingewiesen. Ihr als Anonymus P. apostrophierter, unbekannter Verfasser war Hofnotar unter dem ungarischen König Béla III. (Regierungszeit 1172-1196); sein Text (ca. 1200) ist in einer Kopie aus dem 13. Jahrhundert überliefert. Bemerkenswert ist speziell die folgende, von Windisch (2020, p:15) detailliert besprochene Stelle:

„Dicebant enim, quod ibi confluerent nobilissimi fontes aquarum, Danubius et Tyscia et alii nobilissimi fontes bonis piscibus habundantes, quam terram habitarent Sclaui Bulgarii et Blachii ac pastores Romanorum. Quia post mortem Athile regis [im Jahr 444 / 5] terram Pannonie Romani dicebant pascua esse eo, quod greges eorum in terra Pannonie pascebantur, et iure terra Pannonie pascua Romanorum esse dicebatur, nam et modo Romani pascuntur de bonis Hungarie.“  (zit. nach der Edition Gesta Hungarorum 1932, 9, 96-98)

Das Zitat bezieht sich auf die Einwanderung der Ungarn in ihr heutiges Siedlungsgebiet und speziell darauf, dass sie von den Führern der Kiewer Rus (Subjekt von „dicebant…“ am Beginn des Zitats) auf diesen Raum hingewiesen wurden. Es versteht sich von selbst, dass derartigen Quellen nicht blindes Vertrauen entgegengebracht werden darf, aber dennoch verdienen die gelieferten Informationen ernst genommen zu werden. Wenn man berücksichtigt, dass der Text jedoch nicht nur über das Ende des 9. Jahrhunderts, d.h. über die ungarische Einwanderungszeit, berichtet, sondern sich explizit auch auf die Spätantike, nämlich das 5. Jahrhundert, beruft und zudem womöglich einen Bezug zur Zeit der Abfassung (ca. 1200) vermitteln wollte, dann ergibt sich ohne große interpretatorische Überanstrengung eine vollkommen konsistente, d.h. in sich schlüssige und sinnvolle Lesart. Selbstverständlich ist Konsistenz kein Garant für Richtigkeit - für Falschheit allerdings auch nicht. Es erscheint vielmehr überhaupt frivol, sich Texten von der Art der Gesta Hungarorum, mit der Vorstellung zu nähern, es ließe sich historische ‘Wahrheit’ aus ihnen destillieren. Konsistenz erlaubt jedoch, den Aussagen einen Textsinn zuzuweisen; so entnimmt man der zitierten Stelle Folgendes:

  1. Lokalisiert wird das Mündungsgebiet der Theiss in die Donau („ibi confluerent nobilissimi fontes aquarum, Danubius et Tyscia“) und vermutlich auch die sich nördlich anschließende Theiss-Ebene.
  2. Vier Einwohnergruppen werden in diesem Raum lokalisiert: „Sclaui, Bulgarii et Blachii ac pastores Romanorum“; der Einfachheit halber werden diese vier Ausdrücke im Folgenden als Ethnonyme bezeichnet, ohne damit irgendeinen Anspruch auf Homogenität der vier Gruppen zu erheben2. In der zitierten Stelle zielen sie nach Auskunft der Gleichzeitigkeit, die durch die gebrauchten Tempora ausgedrückt wird („dicebant…habitarent“), auf die Einwanderungszeit der Ungarn. Mit der Formulierung "Blachii ac pastores Romanorum" sind deshalb wohl Romanen, nicht Römer gemeint. Unklar ist allerdings, ob Blachii und pastores Romanorum synonym zu verstehen sind; weiterhin bleibt offen, ob mit Sclauvi und Bulgarii ethnische und/oder politische Unterschiede ausgemacht werden: Wenn der Verf. mit Bulgarii die vollständig slawisierten Untertanen des Zweiten Bulgarischen Reichs meinte, das während der Entstehungszeit des Textes herrschte, wäre der Ausdruck politisch zu verstehen. Die ungarische Einwanderung, um die es geht, fällt jedoch in die Zeit des Ersten Bulgarischen Reichs (Link), wo ein mehr oder weniger großer Teil der sogenannten Bulgaren noch als turksprachig anzusehen ist; wenn der Verfasser also dieses Szenario im Sinn hatte, dann könnte die Opposition auch sprachlich motiviert gewesen sein.
  3. Eine der Gruppen wird ethnographisch als Hirten („pastores“) spezifiziert; dieser Hinweis ist durchaus relevant für das Verständnis der rumänischen Ethnogenese und in weit geringerem Maße auch für die Glottogenese (vgl. DEFAULT) - für die Frage nach der regionalen/lokalen Kontinuität, die der Text aufwirft, ist er dagegen unergiebig.
  4. Der römische Provinzname Pannonia war dem Verfasser geläufig; allerdings entspricht das lokalisierte Gebiet nicht dem Territorium der römischen Provinz, die nach Osten durch die Donau begrenzt wurde. Denn es wird ja gerade die Gegend zwischen Donau und Theiss, d.h. zwischen dem sogenannten Limes Sarmatiae (Link) und der eigentlichen Donaugrenze indiziert.
  5. Es wird eine historische Perspektive eröffnet, insofern auf die ca. 700 Jahre zurückliegende Zeit nach Attilas Tod Bezug genommen wird. Unter den in diesem vergangenen Kontext Pannoniens („Pannonie“) erwähnten Romani darf man deshalb ‘Römer’ im politisch-rechtlichen Sinn verstehen. Der Ausdruck Romani ist jedoch semantisch doppeldeutig, denn der Rückgriff auf die Zeit nach Attila soll auch die zeitgenössische Nutzung als Weideland der mittlerweile durch Ungarn beherrschten und als Hungaria bezeichneten Gegend (im Text wird der Genitiv Hungarie, d.h. Hungariae verwandt) durch Romani ausdrücklich legitimieren („iure“). In diesem zweiten historischen Kontext, Jahrhunderte nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs, können mit Romani nur ‘Romanen’ und keinesfalls ‘Römer’ verstanden werden; man beachte den Gegensatz der Tempora: das Präsens pascuntur in Verbindung mit Hungarie und das Imperfekt pascebantur in Verbindung mit Pannonie. Es wird ausgehend von der zeitgenössischen Existenz von Romani auf kontinuierliche Nutzung seit Attilas Tod geschlossen. Ein historischer Beweis regionaler Kontinuität ist mit ihrer schieren Behauptung natürlich nicht erbracht; allerdings kann vernünftigerweise nicht bezweifelt werden, dass Anonymus P. die zitierte Stelle im Bewusstsein historischer Kontinuität zwischen den mittelalterlichen Blachii ac pastores Romanorum und den antiken Romani verfasst haben muss.
  6. Im Hinblick auf die nationalrumänische (Sprach-)Geschichtsschreibung darf nicht übersehen werden, dass Anonymus P. kein dakisches, sondern ein pannonisches, d.h, spätantikes und nicht bereits aurelianisches Szenario andeutet; die Provinz Dacia (vgl. dazu Brodersen 2020) wurde bekanntlich schon 271 n.Chr., unter Aurelian, aufgegeben.

2. Zwei vieldiskutierte, aber unergiebige Ethnonyme: blachii und romani

Einen Kommentar verlangt die bereits erwähnte Dopplung des Ethnonyms, mit der die mutmaßlich romanischsprachige Bevölkerung als blachii und als romani bezeichnet wird. Dieser Sprachgebrauch sagt uns einiges über den Verfasser. Angesichts des historischen Wissens über Pannonien und Attila, das Anonymus in der zitierten Stelle aufscheinen lässt, ist das oben vorgeschlagene kontextgebundene Verständnis von romani als ‘Römer’ einerseits und deren Nachfahren, ‘Romanen’, andererseits, geradezu selbstverständlich; denn das Wort ist jedem mit dem Lateinischen vertrauten Schreiber als Ableitung von Roma vollkommen durchsichtig. Mit blachii wird ein Ausdruck gebraucht, der dem Schreiber etymologisch wohl kaum durchsichtig war. Der Typ hat im Ungarischen, in den west- und südslawischen Sprachen und im Griechischen zwei unterschiedliche, aber historisch eng zusammenhängende Bedeutungen hat.

Ursprünglich und bis heute bezeichnet er in zahlreichen Varianten Romanen/Romanisches allgemein oder aber spezifische Ausprägungen des Romanischen, so altostslawisch Волохъ, poln. włoch ‘Italiener’, tschech. vlašský ‘italienisch’, ung. olász ‘Italienisch’, älteres ung. oláh ‘rumänisch’, osman.-türk. eflaki ‘romanisch, rumänisch’ (vgl. Windisch 2020, p:6 f. zu diesen Formen), aber auch älteres deu. walachisch / Walachei. Vor allem die Aromunen südlich der Donau werden vielerorts zusammenfassend als Влахъ ‘Vlachen’ (in unterschiedlichen phon. Varianten wie vlahi, vlas) bzw. griech. Βλάχος bezeichnet. Der Bezeichnungstyp ist aber keineswegs auf Ostmittel- und Südosteuropa beschränkt; wie fra. wallon / Wallonie, schweizerdeutsch welsch ‘Schweizer französisch’, bair. welsch ‘italienisch’ zeigen, ist er an der gesamten romanisch-germanischen Sprachgrenze belegt. Abgesehen von wallon handelt es sich dabei durchweg um Fremdbezeichnungen, die gelegentlich negativ konnotiert sind (wie bair. welsch im Unterschied zur neutralen schweizerdeutschen Verwendung).

Ausschließlich im ost- und südosteuropäischen Kontext kam es dann zur Entwicklung der Bedeutung ‘Hirte’, wie Thede Kahl skizziert:

„Man kann davon ausgehen, dass ein Teil der heutigen Südslawen, Griechen und Albaner aus Vlachen hervorgegangen sind, die seit dem Mittelalter assimiliert wurden, wie NAUMOVIĆ & PAVKOVIĆ (2005, 101) betonen. Die Assimilierung der Vlachen im Mittelalter an verschiedene Völker hatte zur Folge, dass der Begriff ‘Vlache’ eine Wandlung durchmachte und nicht mehr nur die romanischen Bevölkerungen bezeichnete, sondern auch auf nicht-romanische Bewohner übertragen wurde, die Beschäftigungen nachgingen, die für Vlachen typisch waren, die also vor allem Hirten (KRANDŽALOV Krandžalov 1969, 221) waren, aber auch Grenzwächter und Warentransporteure. So wurde das Ethnikon im Südslawischen (Vlah) und Griechischen (Βλάχος) zu einem mehrdeutigen Begriff, der sowohl eine ethnische als auch soziale Kategorie bezeichnen konnte, während im Albanischen die Berufsbezeichnung çobën (Hirte, < trk. çoban Hirte) an die Stelle des Ethnikons trat und mit Çobën heute die Aromunen bezeichnet werden. Durch die Gleichsetzung des Vlachen mit dem Hirten ist auch dort eine Eigenidentifikation als Vlache zu finden, wo sich keinerlei aromunische oder romanische Sprachkenntnisse nachweisen lassen: Die griechischen Hirten des südlichen Pindos (GrP2,3,4) sowie des westlichen Zentralgriechenlands nennen sich Vla|chen und bezeichnen ihr Hirtendasein als Vlachenleben (gr. βλάχικηζωήος, βλαχοζωή), obwohl sie nur Griechisch sprechen.
Unter allen Hirten Südosteuropas haben sich die Vlachen am stärksten darauf spezialisiert, fast ausschließlich von der Fernweidewirtschaft zu leben. Das vlachische Viehhaltungssystem hat dasjenige der Montenegriner, Serben, Makedonier, Albaner, Griechen stark geprägt und eine wichtige Rolle in der Geschichte aller Balkanvölker gespielt. MATKOVSKI (1987, 215, 220) meint sogar, dass es keine Nation auf dem Balkan gäbe, in der nicht vlachisches Element aufgegangen wäre und für die die Einrichtung des Katun (auf nomadische Stämme zurückgehende Siedlungen), nicht eine Rolle gespielt hätte.“ (Kahl 2008, 85 f.)

Die Bedeutung ‘Hirte’ ist, wie Thede Kahl ausführt, zweifellos aus der primären Bedeutung ‘Romane’ abgeleitet worden; damit wird aber keineswegs eine bereits mittelalterliche Entstehung der sekundären Bedeutung ausgeschlossen. Gerade in diesem Sinn lässt sich die Formel blachii ac pastores romanorum aus der Gesta Hungarorum interpretieren: Wenn der gebildete Schreiber beide Bedeutungen, auch die typisch (süd-)osteuropäische, mit dem Ausdruck blachii assoziierte und gleichzeitig wusste, dass diese für ihn wohl nicht ableitbare, unmotivierte Bezeichnung im Lateinischen keineswegs geläufig war, dann lässt sich pastores romanorum problemlos als allgemeinverständliche lateinische Paraphrase deuten, also im Sinne von ‘Blachii, und zwar/das heißt römische/romanische Hirten’. Es ist eingewandt worden (vgl. Grzesik 2016, 29 f.), diese Lesart stünde im Gegensatz zur Bedeutung von lat. ac; aber ein Blick in das lat. Handwörterbuch von Georges 1913 [1998] liefert durchaus einschlägige Beispiele (Link). Die im Text gebraucht Form mit /l/ nach dem initialen Labial vor dem Vokal und nicht wie im Deutschen walch/welsch nach dem Vokal spricht für die Latinisierung eines slawischen Inputs mit Liquidametathese. Letztlich gehen alle Formen „bekanntlich auf den bei Caesar belegten Stammesnamen der keltischen Volcae zurück (De bello gallico: 6.24)“ zurück (Windisch 2020, p:7), der dann als Fremdbezeichnung zunächst auf romanisierte Kelten und schließlich auf Romanen generell übertragen wurde.

Nun gibt es freilich im Blick auf die rumänistische Kontinuitätsdebatte einen gravierenden Unterschied zwischen dem Donau-Theiss-Gebiet einerseits und den west- und zentraleuropäischen Gebietendes des Imperium Romanum andererseits. Denn in West- und Mitteleuropa bildet sich die antike Romanisierung bis heute in einem mehr oder weniger dichten Netz von konservierten Toponymen ab; Toponyme verweisen ja indexikalisch ganz direkt auf Orte und Räume und speichern gleichzeitig raumgeschichtliche Informationen, die allerdings nicht immer wieder freigelegt werden können. Man beachte, dass die Kontinuität der Toponyme durchaus nicht nur dort beobachtet werden kann, wo auch das Romanische bis heute gesprochen wird, das heißt in der sogenannten Romania Continua, sondern selbst in den Gebieten, wo nach einer mehr oder weniger langen Phase der Zweisprachigkeit ein Sprachwechsel vollzogen wurde, also in der sogenannten Romania Submersa. In den Ortsnamen der heute niederländisch- oder deutschsprachigen Zone ist die raumgliedernde Infrastruktur der Römerzeit klar erkennbar; dazu gehören militärische Einrichtungen (castelli, castrae, burgi), zivile Siedlungen (villae rusticae, vci), Straßen, integrierte vorrömische Bevölkerungsgruppen (civilitates) und Siedlungsplätze (vgl. die interaktiven Karten in Krefeld 2020s; Link). In etlichen Orten mit, aber auch ohne Namenkontinuität haben provinzialrömische Archäologen mittelalterliche Weiternutzung antiker siedlungsplätze nachgewiesen (vgl. Krefeld 2020s, Kap. 5; Link).

Komplementär zur Kontinuität der Topoyme wie zur Weiter- und Nachnutzung der Siedlungsstrukturen sind die zahlreichen lat.-romanischen Entlehnungen in korrespondierenden Sachbereichen wie dem (Stein-)Bauwesen oder dem Garten- und Weinbau:

deu. lat.
Fenster < fĕnĕstra (REW, 3242)
Kalk calcem, Akk. von calx) (REW, 1533)
Kamin camīnus ‘Ofen’ (REW, 1549)
Kammer camera  (REW, 1545)
Keller cellarium (REW, 1804)
Pfalz palatium (REW, 6159)
Pflaster < emplastrum (REW, 2863)
Pforte < pŏrta (REW, 6671)
Mauer < mūrus (REW, 5764)
Mörtel  < mortarium (REW, 5693)
Pfeiler < pīlārium (REW, 6502)
Pfette < *patĭna (REW, 6293)
Pfosten < pŏstis (REW, 6693)
Pfütze
< pūteus (REW, 6877)
rhein. Pütt ‚Grube, Bergwerk‘
Söller < sōlarium (REW, 8063) 
Strasse < strata (REW, 8291)
Ziegel < tēgŭla (REW, 8618)
u.a.  
ahd., deu. lat.
Birne (vgl. Kluge/Seebold 2015, 126), ahd. bira (AWB, Link) pĭra 
Kappes, ahd. kabuz (AWB, Link) caputium, vgl. auch capĭtium (REW, 1637), Ableitung von caput ‘Kopf’
Kirsche (vgl. Kluge/Seebold 2015, 493), ahd. kirsa, kersa (AWB, Link) ceras(i)um
Kohl (vgl. Kluge/Seebold 2015, 512), ahd kôl(i), chôlo (AWB, Link) caulem, Akk. zu caulis
Kümmel (vgl. Kluge/Seebold 2015, 548), ahd. kumil, chumil (AWB, Link) cumīnum
Kürbis (vgl. Kluge/Seebold 2015, 551), ahd. kurbiz, churbiz (AWB, Link) (cu)curbita
Lattich (???), ahd lat(t)uh(ha), lat(t)ih(ha) (AWB, Link) lactūca
Petersilie pĕtrŏsĕlĭnum (REW, 6448)
Pfeffer (vgl. Kluge/Seebold 2011, 697), ahd. pfeffar (AWB, Link) piper
Pfirsich (vgl. Kluge/Seebold 2011, 698), ahd. phersih (AWB, Link) (mālum) persicum
pflanzen, Pflanze (vgl. Kluge/Seebold 2011, 698), ahd. phlanzôn (AWB, Link), phlanzunga (Link plantare, planta
Pflaume (vgl. Kluge/Seebold 2011, 699), ahd. phrûma (AWB, Link) wohl < griech. proūmon, nicht aus lat. pruna (< griech. proūmon), aber in welcher Konstellation?
pfropfen, (AWB, Link) prŏpāgo (REW, 6780)
pflücken (vgl. Kluge/Seebold 2011, 699), (AWB, Link) piluccare
Rettich (vgl. Kluge/Seebold 2015, 763)  rādīcem, Akk. zu rādīx
Quendel ‘wilder Thymian(vgl. Kluge/Seebold 2015, 738), ahd, q(u)enala, qenula (AWB, Link) cunīla ‘Majoran’24
Sichel (vgl. Kluge/Seebold 2015, 847) sicilem, Akk. zu sicilis
Veilchen (vgl. Kluge/Seebold 2015, 948) viola
Zwiebel, ahd. cibulli, zibolla (AWB, Link) cēpŭlla, Dim. zu cēpa (REW, 1820)

Alle alten Entlehnungen setzen die eine oder andere Form der Zweisprachigkeit voraus. Diese  zweisprachige Phase zeigt sich im Übrigen ganz deutlich in den Namen mit den Varianten Walch-, Waal-, Waller- u.a., die etymologisch zum  Typus blachii (< lat. volcae) gehören; damit wurden offensichtlich Orte mit romanischsprachiger Restbevölkerung durch die germanischsprachige Bevölkerung bezeichnet. Vgl. die folgende Karte:

Walchen-Ortsnamen in der niederländisch- und deutschsprachigen Romania Submersa (Quelle: Krefeld/Lücke 2014-)

In etwas plakativer Zuspitzung kann man also feststellen, dass in der heute niederländisch- und  deutschsprachigen Romania Submersa trotz des Sprachwechsels zum Germanischen eine klare Akkulturation der Germanen an römisch-romanische Kulturtechniken stattgefunden hat. 

Ein vollkommen anderes Bild zeichnet sich im Donau-Theiss-Gebiet ab; nirgends erscheinen blacchii in der ungarischen Toponymie dieses dominant madjarisierten Raums. Zwar kann das Fehlen toponomastischer Hinweise auf römische Infrastruktur speziell zwischen dem sarmatischem Limes und der Donaugrenze nicht überraschen, da diese Gegend  in der Antike - wenn überhaupt - nur ganz schwach romanisiert war; aber für die intensiv romanisierte Provinz Dakien  gilt dasselbe. Bereits Constantin Giurescu hat darauf hingewiesen, dass kein einziger Name der gesicherten antiken Coloniae und Muncipii sich erhalten hat; vgl. die folgende auf der Grundlage von Giurescu (1938, 39 ff.) zusammengestellte Liste:

Status antiker Name rumänisch
coloniae Ulpia Traiana Augusta Dacica Sarmizegetusa (Link) Gradiște (heute: Sarmizegetusa)
Apulum (Link) Alba Iulia
Napoca Cluj (heute Cluj-Napoca, ung. Kolozsvár)
Patavissa/Potaissa (Link) Turda
Aquae (Link) Călan
Romula (vorröm.Malva; Link) Reșca
Drobeta (Link) Severin (heute: Drobeta-Turnu Severin)
Dierna (Link) Orșova
municipii
Ampelum(Link) Zlatna
Tibiscum (Link) Caransebeș
Porolissum (Link) Moigrad (in der Gemeinde Mirșid)

Die Annnahme alle spezifisch römischen Lebensformen, die an Städte oder große Landgüter gebunden waren, seien verschwunden, liegt daher nahe; sie ist geradezu ein Gemeinplatz der rumänischen Sprachgeschichtsschreibung:  

"Veacul al III-lea a fost un veac de criză pentru tot Imperiul roman. [...] În ce privește Dacia, care a fost lăsată atunci pradă barbarilor, viața orașenească a fost distrusă cu totul." (Ivănescu 1980, 89)

Ein zeitlich etwas differenziertes, aber grundsätzlich sehr ähnliches Bild zeichnet auch Constantin Frâncu:

"Die Invasionen der Wandervölker hatten die Zerstörung der Städte nördlich der Donau zur Folge (vor allem der Hunneneinfall 374-375 führte zum Verschwinden der letzten Spuren der römischen städtischen Zivilisation nördlich der Donau), dadurch suchte die Stadtbevölkerung verborgene Zufluchtsorte und vermischte sich so mit der Landbevölkerung." (Frâncu 1995, 9)

Selbst vor diesem Hintergrund ist das Verbleiben römisch-romanischer Bevölkerung in Dakien nicht vollkommen ausgeschlossen; in jedem Fall wird sie jedoch jenseits der typischen Infrastruktur römischer Provinzen massive Dekulturationsprozesse durchlaufen haben. Sie spiegeln sich im rumänischen Lexikon deutlich wider, denn etliche mehr oder weniger panromanische Ausdrücke, die fundamentale Konzepte aus den Bereich  STADT und STEINBAUWEISE bezeichnen fehlen dem Rumänischen - man beachte, dass die allermeisten darunter im Zuge der germanischen Akkulturation gerade ins Deutsche entlehnt wurden:  

deutsch Markt Weil-(-er) Straße  Platz  Glas Mauer
   
latein  mercatus villa strata platea vitrum murus 
 
ital.  mercato villa strada  piazza vetro  muro 
sard. mercau  bidda istrada piatta bidru  muru
engad. marchò   streda plazza vaider mür
friaul. marcjat  vile  strade platse  veri mur
frz. marché  ville  estrée ✝︎ place  verre mur 
prov. mercat  villa  estrada plasa veire mur 
kat mercat villa  estrada plassa vidre mur
span. mercado  villa estrada  plaza  vidrio muro 
port.  mercado  vila  estrada praça vidro  muro
rum. târg (<slaw.) vilă (<fra., ita.) 
oraș (<ung.)
stradă (<ita.) piață (<ita.) geam (<ung.), sticlă (<slaw.) zid (<slaw.)

Daneben gibt es selbstverständlich auch lat. Ausdrücke dieser Sachbereiche, die im Rumänischen fortgeführt wurden, wie z.B. lat. fenestra > rum. fereastră ‘Fenster’. Aber dominant ist der lexikalische Reflex des kulturellen Wandels, und geradezu emblematisch für diesen "[p]rocesul de rusticizare a limbii" (Ivănescu 1980, 184) erscheint der Bedeutungswandel von lat.  pavimentum ‘der aus Steinchen, Erde od. Kalk geschlagene Estrich, Estrichboden’ (Georges, Link) > rum. pământ, das - ähnlich wie deu. Erde - kein handwerkliches Produkt, sondern das Material bezeichnet und außerdem metonymisch unseren ganzen Planeten. In eine ähnliche Richtung weist die rum.  Bezeichnung der STRASSE, rum. cale, die auf lat. callis zurückgeht, womit gerade kein aufwendig hergestellter Verkehrsweg, sondern ‘ein über Anhöhen u. Berge führender ungebahnter Pfad, der Bergpfad, Gebirgspfad, Waldweg, nur dem Vieh zugängliche Triftweg’ bezeichnet wurde (Georges, Link).

3. Ein aufschlussreiches ethnographisches Attribut: pastores

Vor diesem Hintergrund gewinnt die in den Gesta vorgenommene Charakterisierung der blachii als pastores  ein ganz besonderes Gewicht. Denn auch die hochmobile Pastoralkultur steht in klarem Gegensatz zur Vorstellung einer kontinuierlichen Nachnutzung immobiler römischer Infrastruktur, wie sie - wie oben angedeutet - sogar in der Romania Submersa offensichtlich ist: Mobile Kultur ist in festen Siedlungen historisch gerade nicht greifbar. Thede Kahl weist zu recht darauf hin, dass sie weiterhin eine viel schwächere Affinität zur Verschriftlichung entwickelt hat und politisch-rechtlich schnell in Konflikt mit Territorialstaaten, zumal nationaler Ausprägung gerät: 

"Die wandernden Hirtengesellschaften hingegen entziehen sich weitgehend der schriftlichen Dokumentation. [...] Die Kulturen und Vorstellungen der ‘wandernden Völker’ lassen sich erheblich schwieriger rekonstruieren als die der sesshaften, denn nur die sesshaften verwendeten die Schrift und verfassten Schriftquellen, während die ‘wandernden’ ihre Vorstellungen mündlich tradierten. Die Kulturen der wandernden Hirten Südosteuropas entzogen sich sehr lange Zeit regionaler Bindung und nationaler Zuordnung und bewahrten daher viele ihrer Traditionen bis in die moderne industrialisierte Zeit." (Kahl 2008, 61)

Der hier aufscheinende, elementare Gegensatz zwischen mobilen und immobilen Lebenswelten und Kulturen ist wahrscheinlich überall auf der Welt mehr oder weniger deutlich zu finden und insofern quasi universal. Die ganz besondere Bedeutung mobiler pastoraler Tradition für die rumänischen Geschichte ist jedoch - im europäischen Rahmen - evident und seit langem bekannt:  "Păstoritul tradițional a jucat un rol important în viața și istoria poporului român, fiind un factor esențial pentru menținerea coeziunii noastre naționale și lingvistice" (Baskerville 2020, 16). Die wissenschaftliche Aufarbeitung wurde bislang vor allem durch Geographen, Ethnographen und/oder Kulturanthropologen geleistet.

"Seit E. de Martonne (1904) galt der rumänische Raum, das Gebiet der Walachischen Tiefebene (Oltenien und Muntenien) sowie der Dobrudscha und die Südkarpaten als Sommerweidegebiet [...], als ein geradezu klassisches Land der Transhumance. [...] So hielten in ‘aufsteigender Transhumance’ die Bauern Munteniens (Walachei) ihre Viehherden während der Sommermonate auf den Matten der montanen und subalpinen Regionen der Südkarpaten; die rumänischen Bauern Transylvaniens hingegen schickten in einer ‘absteigenden Transhumance’ ihre Herden hinunter auf die Niederungsweiden der Baragansteppe, in die Donausümpfe südlich von Calafat, in die Dobrudscha oder weit bis nach Bessarabien. Für diese Wanderungen war bis zur Jahrhundertwende die Bezeichnung ‘das wandernde Siebenbürgen’ ein geradezu geflügeltes Wort geworden."  (Beuermann 1967, 56)

Nicht weniger wichtig waren pastorale Traditionen in anderen regionalen Kontexten für die süddanubischen Romanen, die ja (abgesehen vom istrischen und dalmatischen Küsten- und Inselraum) in der Regel auch als ‘Rumänen’(vgl. Krefeld 2003a) gefasst werden. Speziell im Hinblick auf die Aromunen geht Thede Kahl sogar von einer ursprünglich nomadischen Lebensform aus: 

"Während bei den Dako-, Istro- und Meglenorumänen transhumante und almwirtschaftliche Formen der Fernweidewirtschaft überwiegen, sind die Aromunen ursprünglich nomadisch gewesen. Aromunen, die die Viehhaltung aufgegeben haben, wurden tendenziell Händler und Handwerker. Die Fernweidewirtschaft ist bis in die heutige Zeit für die Aromunen von großer Bedeutung." (Kahl 2007, 86)

Einen hervorragend dokumentierten Überblick über die aktuelle rumänische Pastoralkultur gibt Baskerville 2020. In dialektologischer und ethnographischer Hinsicht grundlegend ist die Kartierung der Herdenwege; einen Eindruck gibt die folgende Karte:

Transhumanzwege der südosteuropäischen Romanen/Rumänen  (Quelle)

Allerdings sind die Quellen der Karte nicht ganz klar; die Geschichte der Kartierung beschreibt Lucian David (2019). Exemplarisch ist die detaillierte Aufarbeitung der Transhumanz von Schäfern aus Săliște und Săcel, zwei Orten, die westlich von Hermannstadt / Sibiu am Rand der Karpaten, in der sogenannten Mărginimea Sibiului, liegen (vgl. Dragomir 1926, 1938, 2014 und Morariu 1942); in dieser Gegend im südwestlichen Siebenbürgen konzentrieren sich auch die schwarzen Pfeile auf der vorhergehenden Karte. Emanuel de Martonne (1904, 237) teilt mit, dass die Herden selbst die Donau überquerten. Ein anderer Geograph, Simeon Mehedinţi, bestätigt das:

"Demselben Wanderleben der Viehzüchter ist auch die nähere Beziehung zwischen der Baragansteppe und der Dobrogeasteppe zu verdanken. Vor der Einnahme dieses Gebiets durch die Rumänen (1877) hatten schon die transsylvanischen Schafhirten ihre Herden bis an die Meeresküste getrieben (Vadul oilor = Schaffurt an der Mündung der Ialomiţa und Vadul Cailor = Pferdefurt bezeichnen auf der Karte die alten Wege jener Wanderung)." (Mehedinţi 1904, 254)   

3.1. Transhumanz und Kontinuität

Es ist nun klar, dass sich die Frage nach regionaler oder lokaler Siedlungskontinuität der norddanubischen Romanen (oder: ‘Dakorumänen’) erübrigt, wenn eine allgemeine weiträumige Transhumanz oder gar ein pastoraler Nomadismus bereits für die Antike angenommen werden sollte.3 Argumente dafür finden sich durchaus.

Bemerkenswert ist, z.B., eine Stelle im 7. Buch De re rustica von Lucius Iunius Moderatus Columella (*in Gades [Càdiz], um 70 n. Chr.); nach dem Lob der großen Nützlichkeit des Schafs als  Wolle-, Milch-/Käse- und Fleischspender werden dort die Geten  als prototypische Nomaden genannt: 

"[2] Quibusdam vero nationibus frumenti expertibus victum commodat, ex quo Nomadum Getarumque plurimi galaktopotai [gr. 'Milchtrinker'; Th.K.] dicuntur. Igitur id pescus, quamvis mollissimum sit, ut ait prudentissime Celsus, valetudinis tutissimae est minimeque pestilentia laborat. (Link)
Gewissen Völkern, denen es am Getreide fehlt, gewährt es [das Schaf] tatsächlich den Lebensunterhalt, weshalb die meisten Nomaden und Geten galaktopotai gennant werden. 

Zwar ist das Wissen über die durch griechische Historiographen erwähnten Geten äußerst dürftig; aber immerhin ist bekannt, dass sie beiderseits der unteren Donau, im Südosten des heutigen Rumänien lebten; umstritten ist, ob sie zu den Dakern und/oder Thrakern gerechnet werden dürften. Einer der bedeutendsten Spezialisten für das vorrömische Substrat in Dakien, I.I. Russu, spricht ebenso von ‘Thrako-Dakern’ und  ‘Geto-Dakern’ (1969) wie auch von ‘traco-geţii’ (1981), was der unauflöslichen historischen Unschärfe nur angemessen ist. Als γαλακτοφάγοι ‘Milchesser’ werden von Ptolemaios (2. Jh. n. Chr.) übrigens auch die ebenfalls westlich des Schwarzen Meeres zu verortenden und mobilen Skythen bezeichnet (Lücke 2020d, vgl. ; Link). Die Sprache(n)  der Thraker/Daker/Geten  ist (sind) weitestgehend unbekannt; allerdings finden sich im Rumänischen zahlreiche lexikalische Elemente, die aus keiner der noch lebenden Kontaktsprachen stammen und daher mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den vorrömischen Substratsprachen dieser Gruppen zugesprochen werden dürfen. Im Zusammenhang mit  Kontinuitätsüberlegungen sind nun ein ethnolinguistischer und ein geolinguistischer Aspekt des mutmaßlichen Substratwortschatzes entscheidend.

3.1.1. Ein geolinguistischer Aspekt

In geolinguistischer Hinsicht stimmen die süd- und norddanubischen Idiome, d.h. Aromunisch, Meglenorumänisch und Dakorumänische in Regel überein. Hinzu kommen  jedoch auch zahlreiche albanische Entsprechungen, so dass entweder von einem gemeinsamen Substrat beider Sprachgruppen ausgegangen werden muss, oder aber von Entlehnungen genuin albanischer Elemente ins Romanische/Rumänische. Der denkbare umgekehrte Entlehnungsweg aus dem Rumänischen ins Albanische führt nicht weiter, denn er trägt nichts zur historischen Herleitung des romanisch/rumänischen Substratwortschatzes bei. Außerdem gab es bei den Albaner anscheinend keine großräumige Transhumanz, die der rumänischen Tradition vergleichbar wäre. Die historische Rückführung aller Spielarten des südosteuropäischen Romanischen/Rumänischen auf eine Kontinuität nördlich der Donau ist deshalb keine plausible Option.  

3.1.2. Ein ethnolinguistischer Aspekt

In ethnolinguistischer Hinsicht ist bemerkenswert, dass sich innerhalb des substratalen Lexikon bestimmte onomasiologische Bereiche klar abzeichnen; dazu gehören nun gerade zentrale Konzepte der PASTORALKULTUR (vgl. dazu Dahmen 2020), wie die folgende, unvollständige Tabelle auf der Grundlage von (1981)4 zeigt:

SENN dakorum. baciu
istrorum. bațe
aromun. baciu
meglenorum. baciu
alban. batsë, baç
SCHÄFERHÜTTE dakorum. stână
istrorum.  
aromun. stână
meglenorum.  
alban. stan
MELKPFERCH dakorum. strungă
istrorum.  
aromun. strungă
meglenorum. strungă
alban. shtrungë
PFERCH dakorum. țarc
istrorum.  
aromun. țarcu
meglenorum.  
alban thark
LAMM dakorum. daș
istrorum.  
aromun. daș
meglenorum. daș
alban dash HAMMEL
HORNLOS dakorum. șut
istrorum.  
aromun. șut
meglenorum. șut
alban. shut
(LAB)MAGEN dakorum. rînză
istrorum.  
aromun. rîndză
meglenorum.  
alban. rëndës
SÄUERLICH, GELBLICH dakorum. sarbăd
istrorum.  
aromun. salbit
meglenorum.  
alban. tharbët
KÄSEMADE dakorum. strepede
istrorum.  
aromun. strepede
meglenorum. strepij
alban. shrep 'Wurm'
SCHAFZECKE dakorum. căpușă
istrorum.  
aromun. căpușe
meglenorum. căpușă
alban. këpushë
VLIES dakorum. bască✝︎
istrorum.  
aromun. bască
meglenorum. bască
alban. bashkë
SUMPF, TEICH dakorum. baltă
istrorum.  
aromun. baltă
meglenorum. baltă
alban. baltë
ANHÖHE dakorum. măgură
istrorum.  
aromun. măgură
meglenorum.  
alban. magullë

Bemerkenswert sind aber auch mutmaßliche Substratwörter aus dem Bereich der GEFÜHLE und der FAMILIE, wie z.B. die folgenden:

SÄUGLING dakorum. prunc
istrorum.  
aromun. pruncu
meglenorum.  
alban.  
KIND dakorum. copil 
istrorum.  
aromun. copil 
meglenorum. cópil 
alban. kopil 
GREIS dakorum. moș
istrorum. moș
aromun. moșu
meglenorum. moș
alban. mo(t)shë
FREUEN dakorum. bucura 
istrorum.  
aromun. bucur(are)
meglenorum. bucur
alban. bukurë  SCHÖN
HERD dakorum. vatră
istrorum. vatră
aromun. vatră
meglenorum. vatră
alban. vatrë

Schließlich sei der Bedeutungswandel von lat. familia > rum. femeie ‘Frau’ erwähnt, denn er reflektiert die Abwesenheit der Männer, die sehr gut zur Tradition der Transhumanz passt (lat. mulier ‘Ehefrau’ hat sich im Rum. nicht erhalten).

3.1.3. Ein hydronomastischer Aspekt

Oben war darauf hingewiesen worden, dass sich in Rumänien keine römischen Toponyme erhalten haben, und dass darin ein Hinweis auf fehlende Siedlungskontinuität gesehen werden muss. Eine Aufgabe der ortsfesten Infrastruktur impliziert jedoch nicht notwendigerweise eine Weiternutzung des ehemals römischen Territoriums in mobiler bzw. transhumanter Weise. Ein Indiz gerade dafür liefern die Namen der großen Flüsse, die gerade in weiträumiger Perspektive eine besondere Rolle für die Orientierung spielen, denn sie setzen antike Namen ganz überwiegend vorrömischen Ursprungs fort, deren lateinischen und/oder griechische Varianten uns bekannt sind:

antik   rumänisch ungarisch deutsch
lat. Pathissus, Tisia (Link > Tisa  Tisza Theiß
lat. Crisia (Link > Criș Körös Kreisch
lat Maris, griech. Μάρισος (Link) > Mureș Maros Mieresch
lat. Tibiscus, griech. Θίβισις (Link) > Timiș Temes Temesch
lat. Alutus (< ? lat. lutum ‘Lehm’; Link) > Olt Olt Alt

3.1.4. Fazit: Romania Emersa

Aus der kulturellen Spezialisierung auf transhumante Schafhaltung und der korrespondierenden substratalen kann man nur einen Schluss ziehen: Wenn das Lateinisch-Romanische sich nördlich der Donau erhalten haben sollte,  dann haben sich die Romanen an vorrömische kulturelle Techniken und Lebensformen akkulturiert, ohne die römische Infrastruktur, insbesondere die Siedlungkerne weiterzuführen oder nachzunutzen. Diese Akkulturation#Transkulturation spiegelt gewissermaßen - unter entgegengesetzten Vorzeichen - den Akkulturationsdruck, den die Romanen in der Romania Submersa trotz des Sprachwechsels, d.h. trotz des Bruchs der sprachlichen Überlieferungskontinuität, auf die immer dominanter werdenden Germanen ausgeübt haben; nicht nur in der Romania continua, sondern auch in der Romania Submersa ist an zahlreichen Orten die Siedlungskontinuität offensichtlich. Das Rumänische repräsentiert also einen dritten Typ, nämlich eine Romania nec continua, neque submersa, sed emersa.

Nicht nur Bücher, sondern auch bescheidenere Schriften haben ihre Vorgeschichte: Dieser Artikel geht auf einen Vortrag zurück, den der Verf. am 24.11.2008 in einer von Olaf Hackstein organisierten Ringvorlesung über Sprachkontakt - Kontakt der Kulturen gehalten hat. Leider ging die Datei mit der Präsentation verloren, so dass der Gegenstand gewissermaßen auch submersus war. Zum Glück wurde die Vorlesung jedoch als Video aufgezeichnet (Link), so dass der Text der Präsentation buchstäblich wieder abgeschrieben werden konnte - dafür danke ich Giulia Perusi! - und hier nun teilweise wieder emergiert.
Vgl. zu diesem in den Geschichtswissenschaften und in der Archäologie intensiv diskutierten Problem Brather 2000, 2004 und Pohl 1998.
In Baskerville 2020  ist die Rede von "[păstoritul] transhumant practicat de oieri, după unii cercetători, încă din secolul al XIV-lea, iar după alții din secolul al XV-lea, și care a atins apogeul în secolele al XVIII-lea şi al XIX-lea", allerdings werden diese Datierungen nicht begründet.
Dort wird jeder Typ sehr detailliert und auf solider lexikographischer Grundlage diskutiert.

Bibliographie

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