Reflexionen über Carlo Tagliavini: La corretta pronuncia italiana. Corso discografico di fonetica e ortoepìa (1965)



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    Katharina Knapp (2018): Reflexionen über Carlo Tagliavini: La corretta pronuncia italiana. Corso discografico di fonetica e ortoepìa (1965), Version 1 (21.11.2018, 13:19). In: Korpus im Text, Serie A, 19897. url: http://www.kit.gwi.uni-muenchen.de/?p=19897&v=1
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1. Einleitung

Im Jahre 1965 erschien das Buch La corretta pronuncia italiana. Corso discografico di fonetica e ortoepìa verfasst von dem italienischen Linguisten Carlo Tagliavini (1903-1982), einst Professor an der Universität von Padua. Dieses Werk beinhaltet die älteste Dokumentation des italiano regionale, welches er auf Schallplatten aufgenommen hatte. Dies erwies sich als Meilenstein auf dem Weg zur Verknüpfung von Schrift mit auditivem Sprachmaterial und bedeutete eine substantielle Transparenz der Transkriptionen. Von den Kindern Carlo Tagliavinis Silvia, Antonio und Giancarlo Tagliavini haben wir dankenswerterweise die Erlaubnis erhalten, die von Carlo Tagliavini aufgenommenen Sprachdaten zu verarbeiten, woraufhin auf der Online-Plattform Korpus im Text in dem Band „Lo spazio comunicativo dell’Italia e delle varietà italiane“ eine Seite entsteht, auf der das Sprachmaterial im Rahmen von interaktiven Karten zur Verfügung gestellt wird (http://www.kit.gwi.uni-muenchen.de/?p=30111&v=0). Dort besteht sowohl die Möglichkeit die zahlreichen Audiodateien der italiani regionali anzuhören, als auch die von Tagliavini dazu verfassten linguistischen Erörterungen zu konsultieren, wobei die Sprachdateien und die Erläuterungen mit den geographischen Orten der Herkunft der Sprecher auf den interaktiven Karten verknüpft sind.

Carlo Tagliavini nutzte die Tatsache, dass in Bologna, seinem Geburts- und Wohnort, damals das Centro Addestramento Reclute seinen Sitz hatte, weshalb aus ganz Italien junge Soldaten für zwei Monate nach Bologna kamen. Tagliavini erhielt die Erlaubnis in der Kaserne Masini in Bologna Interviews mit ihnen durchzuführen und das Sprachmaterial aufzunehmen. Aus diesem Material, welches “tutti i fonemi italiani nelle loro varie posizioni” (Tagliavini 1965, XXIV) beinhaltet, ist sein Werk La corretta pronuncia italiana. Corso discografico di Fonetica e Ortoepìa (Tagliavini 1965) entstanden, welches im Folgenden vorgestellt und diskutiert wird. Um den historischen Kontext, indem er sein Buch verfasst hat, nicht außer Acht zu lassen, wird auch dieser skizziert, wie auch auf einige daraus resultierende Gegenentwürfe eingegangen.

2. „La corretta pronuncia italiana“

Wie bereits oben erwähnt, basiert das Buch mit seinen linguistischen Analysen auf 14 Sprachaufnahmen von Sprechern des italiano regionale aus den Städten Bologna, Florenz, Turin, Genua, Mailand, Padua, Ancona, Rom, Pescara, Neapel, Bari, Lecce, Reggio Calabria, Catania und Cagliari. Diese Sprachaufnahmen kamen durch Interviews zustande, die auf einem Fragebogen und dem Märchen Il vento tramonta il sole basieren. Der Fragebogen beinhaltet einen kurzen Text sowie 400 Wörter, anhand welchen alle Phoneme der italienischen Sprache in allen möglichen fonotaktischen Positionen und Silbenpositionen abgefragt wurden (cf. Tagliavini 1965, 295f).

Die Sprecher sind allesamt in den Jahren 1938 und 1939 geboren. Lediglich der Sprecher aus Bologna ist 50 Jahre alt und liegt somit deutlich über dem Altersdurchschnitt der untersuchten Sprechergruppe. Tagliavini selbst betont, dass es sich um Sprecher mit einem „livello di cultura piuttosto modesto“ (vgl. Tagliavini 1965, XIX) handelt, die in seinem Werk als Repräsentanten des italiano regionale ihrer jeweiligen Region dienen sollen. Somit ergibt sich eine Sammlung aus 14 verschiedenen italiani regionali von jungen, männlichen Sprechern, die aus einer eher niedrigen Bildungsschicht stammen (vgl. Tagliavini 1965, XIX).

Tagliavini leitet sein Werk mit einer kurzen prefazione ein, in der er seine Beweggründe erläutert. In der anschließenden introduzione geht er vorwiegend auf die Phonetik und italienische Phonologie ein. Der darauffolgende Analyseteil besteht aus 14 Kapiteln, in dem er die korrekte Aussprache der italienischen Phoneme erklärt und Bezüge zu den von ihm aufgenommenen Sprachbeispielen herstellt.

Tagliavini widmet sein Werk vorrangig den Lehrern, von der scuola elementare angefangen bis hin zur scuola superiore mit dem Ziel, an den Schulen  eine „pronuncia corretta“ beizubringen. Dafür sollen seiner Meinung nach die Lehrer Weiterbildungskurse durchlaufen, um selbst einerseits die standardisierte italienische Aussprache zu erlernen und andererseits ein Wissen über die italienische Phonologie zu erwerben, welches ihnen ermöglicht, die standardisierte Aussprache ohne regionale oder dialektale Einflüsse den Schülern zu vermitteln (vgl. Tagliavini 1965, XVI f). So fordert Tagliavini „portare i bambini dall’ambiente dialettale e regionale a quello dell’uso corretto della lingua nazionale“ (vgl. Tagliavini 1965, XVII). Damit schließt er deutlich eine mögliche Akzeptanz der vielfältigen italiani regionali aus und erstrebt eine national gültige Aussprache, die allen Italienern gleich ist. Dabei bezieht er sich auf den Vorreiter Alessandro Manzoni, der im Rahmen der Questione della lingua eine in Italien allgemein gültige Orthographie etabliert hat. Dank der in Italien standardisierten Orthographie ist es seit diesem revolutionären Schritt möglich, schriftliche Produktion in ganz Italien einheitlich zu verfassen (vgl. Tagliavini 1965, X). Laut Tagliavini ist dieser Schritt zwar für die Orthographie erfolgreich durchgesetzt worden, doch sind im Mündlichen noch immer große Differenzen zwischen Sprechern verschiedener Herkunftsorte und sozialer Schichten vorhanden. Seiner Meinung nach seien auch diese Differenzen in der mündlichen Sprachproduktion zu vermeiden und so schreibt er sein Werk ganz im Sinne der Orthoepie und Korrektion (La corretta pronuncia italiana. Corso discografico di fonetica e ortoepìa) als Plädoyer  der einheitlichen italienischen Aussprache eine größere Aufmerksamkeit zu schenken:

Il problema dell’unificazione della lingua italiana parlata, già sentito come abbastanza vivo negli ultimi decenni dell’Ottocento, è divenuto di maggiore attualità ed importanza in questi ultimi decenni. (vgl. Tagliavini 1965).

Doch wie begründet Tagliavini in seinem Werk die Notwendigkeit einer einheitlichen Aussprache ohne dialektale oder regionale Einflüsse? Zum einen mit den Komplikationen, die sich beim Schreiben eines orthographisch fehlerfreien  Textes ergeben, wenn die Aussprachenorm  vom Standard und somit auch von der Schrift abweicht. Während in der Schule zwar präzise die Orthographie vermittelt wird, wird der Orthoepie keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt. Aus diesem Grund ergeben sich seiner Meinung nach noch immer Schreibfehler, die auf die fehlende Kongruenz zwischen Orthographie und Orthoepie zurückzuführen sind. Laut Tagliavini ist es für einen Sprecher, der in seinem italiano regionale vom Standard abweichenden Ausspracheregeln folgt fast unmöglich, die orthographisch korrekte Form zu produzieren, da Mündlichkeit und Schriftlichkeit bisher zu große Differenzen aufweisen (vgl. Tagliavini 1965, VIII).

Se un veneto scrive cavalo, gato invece di cavallo, gatto o un meridionale scrive abbile, aggile invece di abile, agile viene corretto dalle scuole elementari al liceo: ma se lo stesso veneto o meridionale si limita a pronunciare cavalo, gato abbile, aggile raramente trova un insegnante che lo corregga, anzi gli stessi insegnanti, non educati foneticamente, pretendono che i loro scolari scrivano correttamente cavallo, gatto e abile, agile anche quando, dettando, essi stessi pronunciano cavalo, gato o abbile, aggile. (Tagliavini 1965, VIII)

In diesem Sinne plädiert Tagliavini für eine „pronuncia italiana unitaria“ (Tagliavini 1965, XII), die von den Lehrern an den Schulen richtig präsentiert und schließlich auch konsequent korrigiert wird. Daher ist es laut Tagliavini besonders für die Lehrer von großer Notwendigkeit, das Italienische im Sinne der Orthoepie auszusprechen, um als Vorbild für die eigenen Schüler zu dienen (vgl. Tagliavini 1965, IX).

Zum anderen führt Tagliavini an, dass ein gebildeter Mensch italiano standard sprechen sollte, da er ansonsten in der Gesellschaft Enttäuschung provozieren würde:

non è raro, ai giorni nostri, provare qualche delusione sentendo parlare con brutta pronuncia e con forte accento regionale uomini di cui pure ammiriamo gli scritti. (Tagliavini 1965, XII)

Um diese Entäuschung nicht erleben zu müssen, ist die Lehre der Aussprache nach dem Modell des italiano standard ohne regionale oder dialektale Einflüsse laut Tagliavini unabdingbar (vgl. Tagliavini 1965, XII).

Tagliavini begründet ferner in seiner prefazione die Notwendigkeit, das Toskanische als allgemein gültige Aussprachenorm festzulegen. Dabei bezieht er sich wiederum auf Manzoni, der seinerseits bereits das Toskanische als Schriftnorm festgelegt hat. Um diese Tradition fortzuführen und um zu berücksichtigen, dass das Toskanische von allen Italienern verstanden wird, sei es laut Tagliavini die einzige Möglichkeit, die Varietät des Toskanischen als Ausspachenorm für ganz Italien festzulegen. Außerdem ist diese Varietät von allen Italienern zu verstehen und weist Charakteristika auf, die von Sprechern aller italiani regionali erlernt werden können (vgl. Tagliavini 1965, XII f).

[…] è quella lingua che ha certamente il pieno diritto di chiamarsi italiana, perché è scritta e compresa da tutti gli italiani, ma che, per le sue caratteristiche distintive, è essenzialmente toscana, anzi fiorentina. (Tagliavini 1965, XIII)

Im Folgenden spannt Tagliavini in seiner introduzione den Bogen von seiner Motivation, eine in ganz Italien einheitliche Aussprache durchzusetzen, die auf dem fiorentino basiert, zur Phonetik und Phonologie des Italienischen und beschreibt die Grundlagen der Orthoepie.

L’ortoepìa è quella parte della grammatica descrittiva che insegna, come dice il suo nome, la pronuncia corretta di una lingua. Essa è parallela all’ortografìa che è quella parte della grammatica descrittiva che insegna la scrittura corretta di una lingua. (Tagliavini 1965, XXIV)

Während die Orthoepie lediglich Bestandteil in den Schauspielschulen ist oder von den Fernsehmoderatoren realisiert wird, kommt dieser in den Schulen und in der Gesellschaft noch keinerlei Bedeutung zu. Da viele Italiener laut Tagliavini allerdings ohne eine orthoepischen Ausbildung nicht in der Lage sind, das Italienische seiner Meinung nach „korrekt“ auszusprechen, ist es von großer Notwendigkeit dieselbe phonetische Ausbildung, die Schauspielschüler erhalten, auch an den normalen Schulen Italiens obligatorisch anzubieten, da zwar rein theoretisch, wie an Schauspielern ersichtlich, die Möglichkeit eine nationale Aussprache zu erlernen besteht, diese in der Praxis allerdings nicht gelehrt und somit auch weder erlernt noch angewandt wird. Um die Grundlagen dafür zu setzten, bedarf es einer phonetischen Einführung anhand derer das phonologische System des Italienischen verstanden und dementsprechend auch richtig praktiziert wird. Mit einer korrekten phonetischen Ausbildung sollten laut Tagliavini alle Italiener dazu im Stande sein, das Italienische nach florentinischem Modell auszusprechen (vgl. Tagliavini 1965, XXIV).

Chi ha pronunce difettose (e non intendiamo parlare qui delle fonopatìe, ma delle pronunce che si differenziano dal tipo considerato normale) per abitudini per lo più dovute all’ambiente dialettale, molto spesso non se ne accorge, non se ne rende conto e non sa come correggerle se non ha una discreta conoscenza della fonetica. (Tagliavini 1965, XXIV)

Auf die Phonetik möchte Tagliavini bis auf die kurze Einführung innerhalb dieses Buches allerdings nicht weiter eingehen, da er sich in diesem Werk auf die Orthoepie konzentrieren und dementsprechend alle Phoneme des Italienischen in seiner korrekten Aussprache präsentieren möchte. Daher folgt auf die introduzione der Hauptteil seines Buches, indem er in 14 Kapiteln alle italienischen Phoneme erläuert und die korrekte Aussprache sowohl vorführt als auch auf die regionalen Abweichungen eingeht, um anhand derer deutlich zu machen, wie man das jeweilige Phonem nicht aussprechen darf, um nicht von der Orthoepie abzuweichen. Das Besondere hieran und an Tagliavinis Werk im Allgemeinen ist, dass er dabei auf Originalaufnahmen von Sprechern des jeweiligen italiano regionale Bezug nimmt. Somit liegt hier die älteste authentische, sprachliche Audiodokumentation des italiano regionale vor.

Tagliavini selbst bedient sich dieser Aufnahmen, um Realisierungen der „pronuncia diffettuosa“ zu belegen und einer vorbildlichen „pronuncia corretta“, die er selbst als Referenz produziert hat, gegenüberzustellen. Es folgen jeweils Erklärungen zu den Phonemen und zu der „korrekten“, sprich der florentinisch orientierten, nationalen Aussprachenorm,  bzw.  zur „falschen“, sprich der regionalen, Sprachproduktion. Außerdem werden diese Sprachbeispiele durch sprachgeschichtliche Erklärungen bereichert, dank derer die Phoneme vertieft erläutert werden können und gleichzeitig durch das daraus resultierende bessere Verständnis der Entwicklung der Varianten besser in Erinnerung bleiben und somit auch langfristig stets korrekt ausgesprochen werden können.

nell’esposizione della pronuncia normale italiana, quella che voremmo fosse la pronuncia nazionale su base toscana per le ragioni dette sopra, abbiamo continuamente fatto riferimento ai principali difetti delle pronunce regionale affinché i discenti, appartenenti a tutte le regioni d’Italia, confrontando le pronunce scorrette con quelle corrette, possano adeguarsi alla pronuncia modello. (Tagliavini 1965, XVIII)

3. Kritische Analyse

Ohne Zweifel hat Carlo Tagliavini einen didaktischen Meilenstein bezüglich der Nutzung von Audiodateien, in Gestalt von Schallplatten, gesetzt.  Die Sprachproduktionen werden zudem mit wertvollen Erklärungen zu den italiani regionali aufgewertet. Für die Phonologie sind außerdem auch die Erläuterungen zu dezur italienischen Aussprache, d.h. zu den sprachlichen Realisierungen der Phoneme sehr aufschlussreich. Dementsprechend lässt sich festhalten, dass Tagliavini wertvolle Daten geliefert hat, die auch heute noch äußerst interessant und relevant sind.

Jenseits der reinen Dokumentation des italiano regionale muss das von Tagliavini verfolgte Konzept der Orthoepie allerdings  durchaus hinterfragt werdenSein Gedanke durch eine Orthoepie orthographische Fehler zu vermeiden, ist insofern fragwürdig, als dass zwar eine einheitliche Orthographie nützlich ist, aber keine lautbasierte Standardschrift im strengen Sinne phonetisch ist, weshalb die Orthographie in jedem Fall unabhängig von der Orthoepie erlernt werden muss. Liegt also eine regionale Varianz vor, ist es durchaus möglich, dass Schüler die nationalgültige Orthographie auf unterschiedliche Art und Weise erlernen, in Abhängigkeit von ihre eigenen regionalen Besonderheiten. In Folge dessen muss eine einheitlichen Graphie, die von jedem Kind erlernt werden muss, nicht unbedingt mit einer einheitlichen Orthoepie verbunden sein, da unterschiedliche Herangehensweisen beim Schrifterwerb zum selben Ziel führen können.

Außerdem liegen im Hinblick auf die regionale Varianz Komplikationen nicht nur in der Graphie/Phonie vor, sondern betreffen durchaus auch die Grammatik und das Lexikon. Wollten wir ein System schaffen, welches wir ohne Probleme von der Phonie auf die Graphie übertragen könnten, müssten wir vielmehr als nur die Aussprache ändern. So liegt beispielsweise auch ein Unterschied zwischen dem Norden und dem Süden Italiens vor was den Tempusgebrauch betrifft: Wird im Süden das passato remoto aktiv auch in der Mündlichkeit realisiert, ist dieses im Norden Italiens lediglich im Distanzbereich präsent. Wollten wir nun versuchen auch diese Differenz einzudämmen, stießen wir an die Grenzen unserer Möglichkeiten bezüglich grammatikalischer Regeln. Eine Sprache verändert sich kontinuierlich, das liegt in ihrer Natur. Sprachwandel und Variation gibt es seit es die Menschheit gibt und diese können nicht einfach durch festgeschriebene Regeln aufgehalten werden. Hier dient als Beispiel der italienische Konjunktiv, der langsam aber sicher aus dem Nähebereich verschwindet. Auch hier werden sicherlich früher oder später Schwierigkeiten in der schriftlichen Produktion auftreten, sobald der Konjunktiv nur noch ausschließlich im Distanzbereich verwendet wird. Wie somit deutlich wird, ist es fast unmöglich Komplikationen zu vermeiden, die zwangsläufig auftreten, da stets Unterschiede zwischen dem Nähe- und dem Distanzbereich auftreten. Warum sollte die diatopische Variation also ausgerechnet und ausschließlich auf der Ebene der Phonie im Sinne einer einer nationalen Aussprache ausgemerzt werden? 

Das italiano regionale ist nicht nur eine andere sprachliche Varietät gegenüber einer bis heute utopischen Standardvarietät, da alle italienischen Varietäten diatopisch, diaphasich oder diastratisch markiert sind (vgl. D’Agostino 2007: 121), sondern auch Ausdruck einer in Italien existierenden kulturellen und sprachlichen Vielfalt der einzelnen Regionen. Kommunikative Räume sind gleichsam kulturelle Räume, die ihre eigene Identität und Kultur haben, die sich durch das jeweilige italiano regionale ausdrückt und gleichsam dadurch beeinflusst wird.

L`italiano regionale è […] l`espressione più vera degli italiani che mangiano si con ‘forchetta e coltello’ ma si nutrono dei loro piatti tipici preferiti. (Piredda 2013, 13)

Auch Piredda (2013) erörtert in ihrer Arbeit über die Perzeption des italiano regionale in Sardinien, welches dort von Ortschaft von Ortschaft variiert, durch diese Feststellung die kleinräumigen Unterscheidung der einzelnen italiani regionali.

Das italiano regionale ist somit Ausdruck der sprachlichen Identität eines jeden Sprechers, der in seinem kommunikativen Raum vernetzt ist und in diesem kommuniziert. Somit können Sprecher ihrer regionalen Herkunft Ausdruck verleihen. Durch diese sprachlichen Unterschiede wird die italienische Sprache bereichert, da diese auf eine sprachliche Vielfalt verweisen.

Manzoni, auf den sich Tagliavini bezieht, hat seinen Beitrag zur Questione della lingua in einem historisch, sozial und sprachlich anderen Kontext geleistet und für eine für alle Italiener im Zuge der Unità d’Italia verständliche Sprache plädiert. Zudem erstrebte Manzoni eine einheitliche Sprache, die auf der Basis des fiorentino entwickelt werden sollte. Manzoni und seine Anhänger erstrebten dabei möglichst ausschließlich perfekt florentinisch sprechende Lehrer in den Schulen einzustellen, um so den Schülern lediglich den sprachlichen Input des fiorentino zu übermitteln (vgl. de Mauro 1970, 88). Die Dialekte sollten auf diese Weise durch das Florentinische ausgetauscht werden. So gab es sogar manuali antidialettali, welche bei der Ersetzung des Dialektgebrauchs durch den vivo fiorentino helfen sollten. War es häufig nicht möglich toskanische Lehrer in den Schulen unterrichten zu lassen, so wurden doch Lehrer in andere Regionen gebracht, damit eine Kommunikation im Dialekt zwischen Lehrern und Schülern verhindert werden konnte (vgl. de Mauro 1970, 46). Dies alles geschah unter der Prämisse dem Volk die Möglichkeit  zu geben, an der italienischen Literatur und Kultur teilzuhaben (vgl. Polimeni 2011, 165). Zur damaligen Zeit lag keine für alle verständliche Varietät vor, was zur Exklusion großer Teile der Bevölkerung aus Politik, Bildung und vieler entscheidender sozialer Fragen führte. Auf Grund des weit verbreiteten Analphabetismus war es teilweise sogar vonnöten eine dritte Person zu Rate zu ziehen, die den Schriftverkehr leitete, indem sie die schriftlichen Texte vorlas und wiederum die Antwort in graphische Form brachte. Dies bedeutete natürlich eine große Abhängigkeit von anderen Personen, die nicht selten auch ausgenutzt werden konnte. Manzoni reflektierte diese soziale Situation Italiens und stellte als Fazit fest, dass sowohl eine Alphabetisierung notwendig sei, als auch die Existenz und Beherrschung einer für alle Italiener verständlichen italienischen Varietät. Im Jahre 1888, mit dem Wechsel zu einer linken Regierung in Italien vollzog sich auch eine Veränderung im Schul- und Bildungswesen unter dem Ministro della Pubblica Istruzione Broglio, unter dem Manzoni Senator war und auf diese Art und Weise seinen Einfluss ausüben konnte. In diesem neuen Ministerium wurde der Frage nach der italienischen Nationalsprache nachgegangen, die mit der Etablierung des toscano beantwortet wurde (vgl. Dionisotti 1998, 292f). Mit der Einführung der Schulpflicht sollte die Schule dabei als die vermittelnde Instanz für die Sprache (vgl. Polimeni 2011, 13)  dienen (vgl. Polimeni 2011, 33). Somit war die Frage nach der Sprache unmittelbar mit der Frage nach der Schulbildung verbunden, da diese als Institution für sprachliche Erziehung galt und in diesem Sinne die Interaktion des Individuums mit der Gesellschaft garantierte (vgl. Polimeni 2011, 24ff)

Insofern wird deutlich, dass Manzoni, wie Tagliavini ausführt, für die Verbreitung des toscano plädierte, um eine in ganz Italien nicht nur verständliche, sondern auch gebrauchte italienische Varietät zu verbreiten. Damit sollten wie oben aufgeführt die Verständlichkeit, die Kommunikation und in diesem Sinne die Partizipation an der Demokratie des neu gegründeten italienischen Nationalstaates gewährleistet werden. Tatsächlich erwies sich die Einführung einer für alle Italiener verständlichen Sprache als unabdingbar, wenn man sich die damalige sprachliche und soziale Situation anschaut, die  vor der Unità d’Italia durch eine Vielzahl an Kleinstaaten mit ihren jeweiligen sprachlichen Varietäten geprägt war. Jedoch gab es bereits in den Jahren direkt nach der Unità d’Italia Gegenwind gegen die von Manzoni eingeführten Maßnahmen, wobei die Sprachsituation durchaus verbessert und eine einheitliche Sprache eingeführt werden sollten, jedoch mit anderen Methoden und vor allem bei gleichzeitiger Beibehaltung der einzelnen Dialekte (vgl. de Mauro 1970, 47f). Auf diese Ideen soll in Kapitel genauer eingegangen werden.

Bereits in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts sind wir mit neuen sprachlichen Gegebenheiten konfrontiert. Daher genügt es nicht, wie Tagliavini es macht, einen Bogen von Manzoni zu der Gesellschaft der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts zu spannen und dieselben Forderungen zu stellen, da sich die sprachliche Situation wesentlich geändert hat. Die Verbreitung der italienischen Standardvarietät durch Radio, Fernsehen, Militärdienst, Bürokratie und Mobilität haben in der Tat dazu geführt, dass mittlerweile in Italien eine gemeinsame Varietät Einzug gefunden hat, die sich lediglich durch regionale, situative und soziale Faktoren mehr oder weniger stark voneinander unterscheidet. Beherrschten um 1900 herum nur 16 Millionen Italiener Italienisch, von denen allerdings lediglich 5 Millionen das Italienische im Alltag gebrauchten (laut Istat weist Italien im Jahre 1901 32.963.316 Einwohner auf) (vgl. tuttitalia.it 2018), so konnten 1951 bereits 77%-87% der Italiener die italienische Standardsprache, auch wenn 63,5% den Dialekt weiterhin als Alltagssprache hatten (vgl. de Mauro 1970, 127-131). De Mauro (de Mauro 1970, 135) stellt jedoch fest, dass immerhin zwei Drittel der italienischen Bevölkerung im Jahre 1951 sowohl den Dialekt als auch Italienisch beherrschten, während 13% der Italiener nur Dialekt sprach und 18% nur in Italienisch kommunizierte. Laut den Zahlen von Doxa wird der Dialekt im Jahre 1974, sprich acht Jahre nach der Veröffentlichung des Werks von Tagliavini, in der Familie von 51,3% aller Italiener gesprochen. Dieser Prozentsatz geht aber in den darauffolgenden Jahren drastisch zurück. In den Jahren zwischen 2000 und 2006 verwenden laut Istat nur 19,1% bis 16% aller Italiener in der Familie den Dialekt, während mit Freunden nur in 16% bis 13,2% aller Fälle im Dialekt kommuniziert wird. Gleichzeitig nimmt der Gebrauch des Italienischen in der Familie immer mehr zu. Im Jahre 1974 geben laut Doxa 25% aller Italiener an, mit allen Familienangehörigen ausschließlich auf Italienisch zu kommunizieren, während in den Jahren zwischen 2000 und 2006 laut Istat bereits 44,1% bis 45,5% aller Italiener in der Familie nur auf Italienisch kommunizieren und 48 bis 48,9% aller Fälle ausschließlich das Italienische im Gespräch mit Freunden sprechen. (Treccani)

Tagliavini bezieht sich in seinem Werk auf das italiano regionale, d.h. auf die diatopische Variation jenseits der Dialekte. Dabei ist es nützlich zwischen  der überdachenden Varietät und den überdachten Dialekte zu unterscheiden, wobei auf territorialer Ebene die überdachende Varietät, folglich das Italienische anzusiedeln ist und auf arealer Ebene die überdachten Dialekte, dementsprechend die zahlreichen italienischen Dialekte und die daraus resultierenden italiani regionali, zu verorten sind (cf. Krefeld 2018a, paragrafo 3). Somit liegt innerhalb der kommunikativen Räume Italiens häufig eine Mehrsprachigkeit vor, die vom jeweiligen Dialekt bis zum italiano regionale reicht, das abhängig von der Situation, dem Gesprächspartner und der Schulbildung mehr oder weniger dem Standard ähnelt. Mit dieser Varietät ist eine Kommunikation der Italiener untereinander gewährleistet, unabhängig ihrer L1 (Dialekt, Minderheitensprache, italiano regionale), die jedoch durch die gesprochene Varietät (italiano regionale) in den meisten Fällen erkannt werden kann. De Mauro (de Mauro 1970, 141) argumentiert, dass das italiano regionale eine logische Konsequenz des Versuchs der Eliminierung der Dialekte und der Durchsetzung des Standarditalienischen durch Politik und Schule im Rahmen einer gesellschaftlichen und sozialen Veränderung von der Agrikultur hin zur Industrie und Dienstleistung (vgl. de Mauro 1970, 139f) ist. Durch diese gesellschaftliche Umstrukturierung sollte eine veränderte italienische Mentalität mit italienischen Traditionen erzeugt werden, die wiederum einen neuen Lebensstil aller Italiener zur Folge haben sollte. Die italienische Nationalsprache konnte damit besser durchgesetzt werden, da sie als Instrument der Anpassung an die neuen gesellschaftlichen und sozialen Strukturen diente. Folglich wurde der Dialektgebrauch über die Jahrzehnte hinweg immer mehr eliminiert und das Lexikon, die Syntax, die Phonologie und die Morphologie wurden italianisiert. Alle sprachlichen Aspekte standen somit unter dem Einfluss der italienischen Standardsprache. Allerdings stand dieses Italienisch, das nun von der Gesellschaft gesprochen wurde, seinerseits selbstverständlich unter dem Einfluss der Dialekte, vor allem im Rahmen der Phonologie. Aber auch in der Lexik wurden Wörter und teilweise ganze Konstruktionen von den Dialekten direkt ins Italienische transferiert. Seit der Unità d’Italia, sprich seit der politischen Beschlussnahme der Italianisierung der italienischen Bevölkerung, transferierten sich sprachliche Innovationen mit einer „fonte popolare“ (de Mauro 1970, 141) der Dialekte in die italienische Standardsprache (vgl. de Mauro 1970, 139ff). Auf Grund der Verbindung der italienischen Sprache und der Dialekte sind nun neue Varietäten entstanden: die italiani regionali. Diese bildeten sich tatsächlich durch die Bemühung der Dialektsprecher Italienisch zu sprechen heraus, da lokale Elemente in den Standardgebrauch transferiert wurden. Diese Charakteristika wurden auf größere Gebiete übertragen und somit erstrecken sich die italiani regionali mit gemeinsamen Charakteristika über größere Bereiche hinweg. Während im Ottocento noch eine Diglossie-Situation zwischen Dialekt und Italienisch zu beobachten war, ist inzwischen ein Kontinuum zwischen den Dialekten und dem Standarditalienischen entstanden (vgl. de Mauro 1970, 142f), wobei das italano regionale ein „mobile ponte che esse hanno creato tra lingua e dialetti“ (de Mauro 1970, 143) ist. So sind zwar seit der Unità d’Italia die Dialekte im Rückgang, doch haben sich immer mehr die italiani regionali herauskristallisiert. Tagliavini bietet Um diese jedoch eliminieren zu können (vgl. de Mauro 1970, 102f). So bietet Tagliavini zwar eine Methode diese im Rahmen einer Orthoepie zu eleminieren, so scheint dieser Wille jedoch als Eingriff in die natürliche Sprachentwicklung, die wie oben aufgezeigt, verheerende Methoden und Konsequenzen zur Folge hätte. Damit die Sprecher in einer Varietät kommunizieren können, mit der sie sich wohl fühlen und die ihrer individuellen Identität entspricht, sei von außenstehenden Einflüssen zur Veränderung eines Sprachsystems jedoch abzusehen!

Tatsächlich sind auch die Audioaufnahmen, die Tagliavini aufgenommen hat und mit welchen er die regionalen Differenzen vom Standard analysiert, zwar vom Standard abweichend, jedoch einwandfrei verständlich, und das auch für nicht italienische L1-Sprecher. Daher stellt sich die Frage, weshalb die regionalen sprachlichen Charakteristika, die „piatti tipici preferiti“, wie es Piredda (2013, 13) nennt, überhaupt ausgemerzt werden sollen. Die von Manzoni geforderte Verständigung der Italiener zum Schutze der Partizipation an Politik und sozialer Fragen ist durch diese Varietät gegeben. Wieso sollte also ein wesentlicher Bestandteil der Kultur, Tradition und Identität, die in der sprachlichen Realisierung der Italiener verankert ist, ausgelöscht werden? Nur durch Vielfalt versteht man das Eigene und nur durch das Eigene wird man neugierig auf das Fremde und dank dieser Neugierde entsteht ein Austausch, der bereichernd für das Miteinander ist. Somit ist es ein Zeichen von sprachlichem Reichtum, wenn eine Sprache in der Lexik, Morphosyntax und auch in der Aussprache variiert. Diese Variation bietet im Übrigen ein überaus interessantes Potenzial für die Untersuchung der regionalen Unterschiede in der historischen Entwicklung eines kommunikativen Raums. Warum sollte dies negiert werden? Eine Vielfalt in der Einigung (Unità d’Italia) ist ein Zeichen von Stärke und Interesse aneinander. Dies gilt für alle kulturellen Besonderheiten, auch für die sprachlichen Varianten.

In diesem Kontext sollte die Einstellung gegenüber den vom Standard abweichenden Varianten reflektiert werden. Mit welchem Recht spricht Taglavini von „difetti“, wenn er auf die regionalsprachigen Realisierungen des Italienischen eingeht? Ist es ein Fehler eine andere historische Sprachentwicklung gehabt zu haben?

Beispiel 1:

Qui troviamo, come si è detto, due difetti strettamente connessi l’uno all’altro (e si potrebbe dire infatti che l’uno è conseguenza dell’altro): la pronuncia di a velarizzato (cioè come suono intermedio fra a ed ǫ) e quelle di l velare, anziché del normale l alveodentale dell’italiano. […] Il secondo difetto di pronuncia che possiamo notare nella fonazione della vocale a sulla bocca di molti Italiani è pressoché opposto a quello rilevato poco fa. (Tagliavini 1965, 11) (Hervorhebungen KK)

Beispiel 2:

Consideriamo ora I‘ę aperto, che è il primo fonema vocalico che troviamo procedendo da a verso la serie palatale. L‘ aperto ( sempre nella sillaba tonica) dell’italiano corretto è più vicino ad ę (neutro) che ad a; si distingue dunque da quell‘ä, suono intermedio fra a ed ę che abbiamo notato come difetto regionale di pronuncia della vocale a ( … ).
Se è un difetto grave pronunciare chiuso invece di ę aperto (e vedremo fra poco che si tratta di un difetto abbastanza esteso) e se è un difetto pronunciare un e neutro invece di ę aperto o di chiuso […] è un difetto sensibile anche la pronuncia troppo aperta di ę aperto. (Tagliavini 1965, 17f) (Hervorhebungen KK)

Ohne Zweifel sind die Ausführungen Tagliavinis zu den Charakteristika der italiani regionali  aufschlussreich, jedoch ist ihre Bezeichnung als „difetti“ äußerst wertend: Sie entspricht  seinem Ziel, die italani regionali zu eleminieren, um eine vereinheitlichte Standardaussprache zu erreichen. Anstatt von „difetti“ zu reden, die regional und mit regionalen und dialektalen Einflüssen zu begründen sind, scheint es passender und wertfreier von Charakteristika der einzelnen italiani regionali zu sprechen. Aber nicht nur diese Wortwahl lässt Rückschlüsse auf Tagliavinis Meinung gegenüber der italiani regionali zu, auch die wertende Wortwahl gegenüber den Sprechern ist unmissverständlich:

Beispiel 3 (aus der prefazione):

Una percentuale minima degli Italiani della seconda metà dell’Ottocento e dei primi decenni del Novecento conosceva la voce e il modo di parlare degli uomini politici e degli scrittori contemporanei di cui pure leggeva libri e discorsi, cosa invece comunissima oggi; anzi non è raro, ai giorni nostri, provare qualche delusione sentendo parlare con brutta pronuncia e con forte accento regionale uomini di cultura di cui pure ammiriamo gli scritti. (Tagliavini 1965, XII) (Hervorhebungen KK)

Beispiel 4:

Un piemontese poco colto (e non raramente anche un piemontese colto) pronuncerà come il nostro informatore torinese che dice […] (Tagliavini 1965, 18) (Hervorhebungen KK)

Beispiel 5:

Sentiamo ora alcune delle parole date poco fa come esempi di chiuso nella pronuncia di un genovese poco colto […] (Tagliavini 1965, 67) (Hervorhebungen KK)

Einige italienische Dialekte sowie die italiani regionali, die in den jeweiligen kommunikativen Räumen gesprochen werden, werden tatsächlich von vielen Italienern als eher negativ wahrgenommen. Der Standard erhält mehr und mehr Prestige, was zu einem Verlust der Dialekte führt. Wird  nun auch in der Schule die Meinung vertreten, dass die „corretta pronuncia“ einzig die „pronuncia italiana unitaria“ in Tagliavinis Sinne sei, hätte das gegebenenfalls nicht nur die Eliminierung der italiani regionali, sondern auf lange Sicht auch den von der Gesellschaft legitimierten Verlust der Dialekte zur Folge, da die Kinder bereits im Grundschulalter eine standarditalienische Aussprache vermittelt bekommen würden, mit der sie sich dementsprechend untereinander unterhalten, wenn sie sich im schulischen Kontext kennen lernen.

Im Hinblick auf eine ausführliche Dokumentation des italiano regionale, welche die sprachliche Realität Italiens widerspiegeln soll, ist allerdings neben dem Fokus auf die Orthoepie auch zu kritisieren, dass sich Tagliavini ausschließlich an administrativen Grenzen orientiert hat. Um sein Ziel, die regionalsprachlichen Charakteristika im Italienischen zu illustrieren und zu erörtern, damit diese vermieden werden können, zu verwirklichen, nahm er je eine Sprachaufnahme eines Sprechers der jeweiligen italienischen Region auf und führt diese in seinem Buch als Beispiel für die Aussprache der gesamten Region. Dass damit allerdings lediglich den politischen administrativen Grenzen Rechnung getragen wird, steht außer Zweifel. Doch orientieren sich sprachliche Varietäten, seien es Dialekte oder eben auch italiani regionali, nicht an den von der Politik gesteckten Grenzen. Vielmehr sind es Sprachkontakte, geographische oder historische Gegebenheiten, die zur Entwicklung der italiani regionali beitragen. So sind es kommunikative Räume selbst, die oftmals unabhängig von politischen Grenzen, sprachliche Varietäten mit spezifischen Charakteristika innehaben und zudem häufig überaus kleinräumig sind. Darüber hinaus sind klare Sprachgrenzen oftmals gar nicht zu treffen, weshalb man mit der Zuschreibung von bestimmten sprachlichen Charakteristika gegenüber anderen Sprechern vorsichtig sein muss.

Ein unrichtiges Verfahren ist es ferner, wenn man zuerst eine Definition aufstellt und erst nachher sucht, ob so ein Ding vorhanden sei. Das hat man aber tatsächlich mit den Dialekten getan. Man hat gesagt, ein Dialekt müsse charakteristische Merkmale enthalten, die sonst nirgends vorkommen, er müsse von den Nachbardialekten durch ein an ganz wenigen Orten durchgehendes Zusammenfallen mehrere (…) Lautgrenzen deutlich geschieden sein. Innerhalb des Dialekts müsse eine ungetrübte lautliche Einheit herrschen. Da dies nicht vorkomme, gebe es keine Dialekte. (…) Trotzdem besitzen alle Angehörigen eines Dialektes etwas Gemeinschaftliches, an dem man sie erkennt, das in ihnen, wenn sie in der Fremde zusammentreffen, ein freudiges Heimatgefühl weckt.“ (Gauchat 1903, 96)

Diese Feststellung, die Gauchat gegenüber den Dialekten trifft, ist auch auf die italiani regionali zu übertragen. Aus diesem Grund ist Tagliavinis Vorgehen in methodischer Hinsicht als problematisch zu betrachten. So überträgt er sprachliche Besonderheiten des Sprechers aus Padua auf alle venetischen Sprecher. Es ist allerdings festzustellen, dass es nicht nur sprachliche Unterschiede zwischen einem Sprecher aus Padua und einem Sprecher aus Mailand gibt, sondern ebenfalls auch Unterschiede zwischen einem Sprecher aus Padua und einem Sprecher aus Verona vorliegen.

Im Rahmen der didaktischen Vermittlung des Italienischen in der Schule, ließen sich Tagliavinis Erkenntnisse eventuell tatsächlich anwenden, jedoch im Sinne der Förderung der Wahrnehmung von Differenzen ohne Wertung und ohne den Versuch der Eliminierung der regionalen Aussprache. Man könnte folglich die italienischen Schüler gegenüber den Differenzen sensibilisieren und die Unterschiede herausarbeiten, was eine bewusste Verwendung der regionalen Varietät zur Folge hätte und gleichzeitig für die orthographischen Besonderheiten sensibilisieren würde. Eventuell reicht bereits ein Bewusstwerden gegenüber der Differenzen, um in der schriftlichen Realisierung weniger Probleme zu haben und um gleichzeitig die Wertschätzung der regionale Variation zu fördern.

4. Historischer Kontext

Natürlich muss auch der historische Kontext beachtet werden, von welchem Tagliavini beeinflusst wurde und welcher sich in seinem Buch widerspiegelt.

Wie bereits im vorherigen Kapitel erläutert besteht spätestens seit der Unità d’Italia auch der politische Wille einer sprachlichen Einigung Italiens. Die von Manzoni und seinen Anhängern geforderten Maßnahmen ließen sich in der Praxis jedoch nicht immer so durchsetzen. In der Schule, die laut Manzoni eine wesentliche Rolle für die Vermittlung des Standarditalienischen spielte, war es fast unmöglich ausschließlich toskanische oder zumindest Italienisch sprechende Lehrer einzusetzen. Folglich benutzten die Lehrer häufig eine Mischung aus Dialekt und Standardsprache, was lediglich die Schwächung der Dialekte und allenfalls einen vermeintlichen Erwerb des Italienischen zur Folge hatte. Häufig wurden die Schüler außerdem von ihren Lehrern fälschlicherweise korrigiert (vgl. de Mauro 1970, 93f). Dies war darüber hinaus auch durch die hohe Analphabetenquote bedingt. Im Jahre 1870 hatten 62% der italienischen Bevölkerung nie eine Schule besucht und auch im Jahre 1906 hatten nur 53% der Bevölkerung eine Schulbildung genossen. Während der Weltkriege stieg einmal mehr die Analphabetenrate: Von den zwischen 1910 und 1945 geborenen Italienern waren 17% Analphabeten. Auch wie Tagliavini in seinem Buch schreibt, gab es Anfang des 20. Jahrhunderts 50% Analphabeten in Italien (vgl. Tagliavini 1965, VII).

Erst Jahre nach der Unità d’Italia konnte sich im Zuge der Migration, Urbanisierung und Industrialisierung auch im Gesprochenen das Italienische durchsetzten, wobei im Norden ein vermehrter Gebrauch des Italienischen im Vergleich zum Süden, wo mehr Dialekt gesprochen wurde, zu vermerken war (vgl. de Mauro 1970, 99f). Die Regionen mit der stärksten Dialektalität sind dabei das Veneto, Kampanien und Sizilien (cf. Krefeld 2018b).

Die ersten Schritte hin zu einer italienischen Standardsprache wurden von Seiten der Politik initiiert, die nach den Maßnahmen seitens Manzoni im Faschismus mündeten, einer Zeit, in der vehement versucht wurde, das Italienische zu verbreiten. So wurden Maßnahmen entwickelt, die weit über die im vorherigen Kapitel ausgeführten Ideen Manzonis hinausgingen. Der Faschismus betrieb einen regelrechten Kampf gegen die Dialekte, der letztendlich alle, nicht dem Standard entsprechende Varietäten einschloss. So herrschte eine „avversione per ogni forma sospettata d’essere non di tradizione italiana letteraria, ma di origine dialettale e parlata.“ (de Mauro 1996, 436). Sie führte dazu, dass sich viele Lehrer, die nicht ohne dialektalen Einfluss zu sprechen vermochten, für ihre Art zu sprechen schämten (vgl. de Mauro 1996, 436).

Im Jahre 1923 verabschiedete Gentile, Bildungsminister unter Mussolini, eine Reform, die eine Methode für die Schule vorsah, die die Standardsprache vermitteln sollte und „Dal dialetto alla lingua“ hieß. Dieser sprachpädagogische Ansatz bezog sich auf ein Modell von Manzoni, mit welchem der Dialekt als Bezugspunkt für den Standard gelten sollte. Vergleiche zwischen den Dialekten und dem Standard durch Übersetzungsübungen sollten den Schülern die italienische Standardsprache näher bringen (vgl. Foresti 2003b, 48). Auch Carlo Tagliavini schloss sich diesem Ansatz an und veröffentlichte im Jahre 1924 das Lehrbuch Esercizi di traduzione dai dialetti dell’Emilia (bolognese), in welchem er Übersetzungsübungen vom Dialekt der Emilia Romagna ins Italienische anbot und Informationen über die italienische Kultur und Sprache verarbeitete (vgl. Tagliavini 1924). Auch wenn so die Tendenz zu einem einheitlichen Italienisch massiv verstärkt werden sollte, wurde doch der Dialekt nicht völlig missachtet. Erst in den späteren 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts setzte sich ein Purismus durch, der jegliche Abweichungen vom italienischen Standard kritisierte. So sollte die italienische Sprache vor äußeren Einflüssen, seien sie fremdsprachlich oder dialektal, geschützt werden, damit eine „purificazione dell’italiano“ vollzogen werden könne (vgl. Foresti 2003a, 18f). Im Jahre 1934 wurde unter Mussolini der Ausschluss aller Dialekte in der Schule beschlossen mit dem Ziel, die Bewohner Italiens zu italianisieren. Aber nicht nur in der Schule sollte auf den Dialekt verzichtet werden, sondern auch zu Hause waren die Italiener dazu angehalten, im italienischen Standard zu kommunizieren (vgl. Foresti 2003a, 21).

Der Kampf gegen die Dialekte ging so weit, dass Kinder aus dem Schulunterricht ausgeschlossen wurden, weil sie nur im Dialekt sprachen. Dies hatte zur Folge, dass während des Faschismus 60% der Schüler noch vor der Beendigung der scuola elementare der Schule verwiesen wurden, was wiederum zu einer erhöhten Alphabetisierungsrate führte. De Mauro (1996, 436) stellt fest:

L’avversione fobica per i dialetti in un paese al 90, poi al 70% totalmente dialettofono, nella scuola non poteva che provocare disastri scolastici. E così è stato.

Tatsächlich verursachte der Schulverweis für die Schüler ein soziales sowie wirtschaftliches Desaster. Jedoch blieben die Probleme bei den Schulabsolventen nicht aus. Diejenigen Schüler, welche in der Schule bleiben durften, mussten mit strengen Maßnahmen bezüglich des Sprachgebrauchs rechnen. Alles Geschriebene wurde akribisch korrigiert. Zudem durften nur noch stilistisch hochwertige Wörter benutzt werden. Wörter, die einem einfacheren sprachlichen Register angehörten, mussten vermieden werden und durch andere, einem hohen Sprachregister angehörende Wörter ersetzt werden. So wurde it. faccia durch it. viso ausgetauscht. It. paura wurde durch it. timore ersetzt und it. adirarsi verdrängte it. arrabiarsi (vgl. de Mauro 1996, 436f). Im Folgenden sind weitere Beispiele gegeben (vgl. de Mauro 1970, 104):

  • it. perché -> it. affinché
  • it. si porta -> it. si conduce
  • it. fare le lezioni -> it. eseguire i compiti
  • it. televisione dei ragazzi -> spettacolo televisivo destinato ai ragazzi

Die gebildete Schicht, die nicht aus der Schule verstoßen wurde, musste dieses Vokabular benutzen (vgl. de Mauro 1996, 437). Zwischen den Intellektuellen verbreitete sich schleichend ein anderer Gebrauch des Sprechens, so wie es der Faschismus mit seinem Plan „di costruire un uomo nuovo (…) italiano“ (Foresti 2003b, 40) geplant hatte. Durch programmatisches Eingreifen sowohl in der Schule wie auch in der Presse, sollte diese neue italienische Sprache geschaffen werden (vgl. Foresti 2003b, 37f).

Liberare i ceti istruiti da queste pastaie fu ed è qualcosa di più che una battaglia di stile. Fu ed è lo sforzo, vissuto come tale, di tutela dei diritti linguistici nativi, della spontaneità contro la pedanteria, di un esprimersi sincero, trasparente, efficace contro lo stile elusivo, opaco, incomprensibile degli Azzeccagarbugli. Questo sforzo si cela sotto l’etichetta „educazione linguistica“. (de Mauro 1996, 437)

Doch auch diese radikale Ausrichtung der Sprachpolitik blieb vergeblich. Der Dialekt war und blieb auch nach dem Krieg noch die Varietät, die am meisten von der italienischen Bevölkerung gesprochen wurde (vgl. Foresti 2003b, 48). Noch im Jahre 1951, sprich sechs Jahre nach dem Ende des Faschismus in Italien, wurde weiterhin in 80% der Fälle der Dialekt gesprochen (vgl. Foresti 2003a, 19). Doch auch das italiano regionale setzte sich immer weiter durch. So beherrschten zwei Drittel der Italiener nach dem Krieg ihr jeweiliges italiano regionale, von welchem de Mauro (1970, 144) als eine „mobile ponte che esse hanno creato tra lingua e dialetti“ spricht. Somit ist das italiano regionale als Resultat aus der seit Manzoni durchgeführten Sprachpolitik zu verstehen, wobei jedoch selbst gegenüber diesen entstandenen Varietäten eine negative Einstellung in der italienischen Gesellschaft herrschte. Viele befürchteten, dass die italiani regionali die sprachliche Situation verändern und den Standard, den es zu verteidigen und zu verbreiten galt, zerstören könnten. Dieser Meinung schlossen sich zahlreiche Italiener aller Schichten, Parteien und Ideologien an und auch viele Intellektuelle und Linguisten befürchteten eine Gefahr der sich verbreitenden italiani regionali. So setzten sich viele, die sich als progressiv verstanden und etwas verändern wollten, gegen die italiani regionali und für die vehemente Verbreitung des Standards ein. In diesem Kontext verfasste Carlo Tagliavini 1965 sein Werk La coretta pronuncia italiana. Corso discografico di Fonetica e Ortoepìa, wobei anzumerken ist, dass die Mehrheit der italienischen Bevölkerung die „nuovi usi linguistici“ akzeptierte und übernahm (vgl. de Mauro 1970, 146f).

Die im Faschismus etablierte Sprachpädagogik blieb jedoch im italienischen Bildungsplan bis in die 1970er Jahre erhalten, bevor dieser abgesetzt wurde und den Dialekten mehr Rechte eingeräumt wurden. Die Absetzung dieses Bildungsplan ist letztlich den vielen Initiativen und Lehrerzusammenschlüssen zu verdanken, die für eine Veränderung in der Sprachpolitik kämpften (vgl. Kapitel ) und sich ab 1966 vermehrt zusammenschlossen (vgl. de Mauro 1996, 437).

5. Gegenentwürfe

Gegenentwürfe zur italienischen Standardsprache und der Einstellung gegenüber den Dialekten gab es bereits seit die Idee einer Nationalsprache entstand. Auch in der Zeit Manzonis gab es Intellektuelle sowie Politiker, die sich dem Konzept Manzonis widersetzten und Gegenentwürfe entwickelten. Wichtige Vertreter dieser Epoche waren de Sanctis, d’Ascoli und d’Ovidio, welche die Meinung vertraten, dass ein ungerechter Kampf gegen die Dialekte geführt werde. Ihrer Meinung nach war es zwar durchaus wichtig, eine für alle Italiener verständliche Sprache zu verbreiten, allerdings müsse diese Verbreitung nicht auf Kosten der Dialekte gehen. Sie waren der Überzeugung, dass es sich bei den Dialekten um ein wichtiges kulturelles Erbe Italiens handelt, welches bewahrt werden müsse. Dabei sollte Wissen über die Nationalsprache erworben werden, ohne dass die Dialekte dabei zu Grunde gehen würden. Um eine Bewahrung der Dialekte bei gleichzeitigem Erwerb der Nationalsprache gewährleisten zu können, sollten beide Varietäten gelernt und miteinander verglichen werden, um eine Reflexion über die Unterschiede zwischen Sprache und Dialekt zu evozieren. Auf diese Art und Weise könnte ein Bilingualismus entstehen. Jedoch war die Politik von Manzoni und seinen Anhängern geprägt, weshalb politisch dem Konzept Manzonis gefolgt wurde (vgl. de Mauro 1970, 89).

Die intensive Auseinandersetzung und die zahlreichen Gegenbestrebungen hatten schließlich zur Folge, dass ein Umdenken v.a. der gebildeten Schicht stattfand. Die Beziehung zwischen Dialekt, italiano regionale und Standard wird inzwischen nicht mehr so sehr als Konflikt wahrgenommen. Tatsächlich erfahren die Dialekte ab den 80er Jahren eine neue Präsenz, indem Theaterstücke, Bücher und Lieder in verschiedenen Dialekten verfasst werden. Auch regionalsprachige Ausdrücke finden Verbreitung und Anerkennung und sind teilweise in ganz Italien verständlich. Manchmal werden sie sogar in vielen Gebieten Italiens aktiv verwendet. Insgesamt sind wohl von 8000 Lexemen des Standards auszugehen, die eine dialektale bzw. regionale Herkunft aufweisen und inzwischen im Sprachgebrauch vieler Italiener ganz Italiens vorzufinden sind. Dies lässt sich als Beweis für die zunehmende Akzeptanz der italiani ragionali deuten (vgl. de Mauro 2014, 130f). Selbst in der Schule werden die Dialekte und die italiani regionali im Regelfall toleriert und nicht mehr so wie nach der Unità d’Italia oder während des Faschismus als Problem angesehen (vgl. de Mauro 2014, 129).

In diesem Sinne sind sogar Fälle bekannt, in welchen in der Schule die Dialekte wieder besonderer Beachtung unterliegen, da sie als wertvoller Bestand der italienischen Kultur wahrgenommen werden, weshalb sie auch an der Schule unterrichtet werden sollen. Im Falle einer neapolitanischen Schule unterrichtet ein Italienischlehrer dort auch den dialetto neapolitano und begründet dies mit dem kulturellen und sprachlichen Erbe, das unterstützt und gefördert werden muss. Damit dieses Erbe auf lange Frist nicht ausstirbt, erstrebt er diesen Dialekt in der Schule wertzuschätzen und zu verbreiten:

Im aktuellen Kontext gewinnt nun nicht mehr die it. Questione della lingua, sondern vielmehr die it. Questione delle lingue an Aktualität. Die Bedeutung und die Wertschätzung der Dialekte, der Minderheitensprachen sowie der zahlreichen italiani regionali stehen dabei im Fokus und werden von Initiativen als it. patrimoni linguistici nativi wahrgenommen. So positioniert sich beispieltsweise die Initiative „G.I.S.C.E.L – Gruppo di Intervento e Studio nel Campo dell’Educazione Linguistica“ (vgl. G.I.S.C.E.L 2018) für einen Schutz aller sprachlichen Varietäten Italiens. Sie führen zehn Thesen über eine it. educazione linguistica democratica auf, nach denen alle Varietäten gleichermaßen an Anerkennung und Schutz gewinnen sollen (vgl. de Mauro 1996, 439). Giscel bildete sich im Jahre 1973 auf Initiative Tullio de Mauros hin und wird seit 2014 von Alberto Sobrero geleitet. Die Initiative „raccoglie studiosi di linguistica e insegnanti di tutti gli ordini di scuola interessati agli studi di teoria e descrizione dei fenomeni linguistici e alla pratica educativa nel settore dell’educazione linguistica“ (http://giscel.it/chi-siamo/). Im Jahre 1975 werden zehn Thesen zur Sprachbildung veröffentlicht, die von Tullio de Mauro verfasst worden sind. Diese wurden im Laufe der Jahre anhand von Diskussionen der Mitglieder erweitert. Folgend sind die zehn Thesen zur it. educazione linguistica democratica aufgeführt (G.I.S.C.E.L 2018):

I. La centralità del linguaggio verbale
II. Il suo radicamento nella vita biologica, emozionale, intellettuale, sociale
III. Pluralità e complessità delle capacità linguistiche
IV. I diritti linguistici nella Costituzione
V. Caratteri della pedagogia linguistica tradizionale
VI. Inefficacia della pedagogia linguistica tradizionale
VII. Limiti della pedagogia linguistica tradizionale
VIII. Principi dell’educazione linguistica democratica
IX. Per un nuovo curriculum per gli insegnanti
X. Conclusione

Mit diesen Thesen wenden sich die Verfasser vorrangig an Lehrer und Wissenschaftler, um mit deren Inhalt für eine demokratische Spracherziehung beizutragen. Von besonderer Bedeutung sind bei diesen Thesen die individuelle psychologische Entwicklung des Schülers, die Bereicherung und Wertschätzung des sprachlichen Erbes jeder Varietät, die es zu erlernen und zu verstehen gilt, die aktive sowie passive Erweiterung des Wortschatzes sowie seine adäquate Verwendung in verschiedenen Situationen sei es ein informeller, ein formeller oder ein administrativer Sprachgebrauch. Die neue Sprachdidaktik sieht sich dabei als offenes Feld für alle möglichen Sprachproduktionen, die in einer Gesellschaft vorkommen. Somit ist der standardnahe Sprachgebrauch genauso anerkannt wie der dialektale oder der regionale:

In ogni caso e modo occorre sviluppare il senso della funzionalità di ogni possibile tipo di forme linguistiche note e ignote. La vecchia pedagogia linguistica era imitativa, prescrittiva ed esclusiva. Diceva: «Devi dire sempre e solo così. Il resto è errore». La nuova educazione linguistica (più ardua) dice: «Puoi dire così, e anche così e anche questo che pare errore o stranezza può dirsi e si dice; e questo è il risultato che ottieni nel dire così o così». La vecchia didattica linguistica era dittatoriale. Ma la nuova non è affatto anarchica: ha una regola fondamentale e una bussola; e la bussola è la funzionalità comunicativa di un testo parlato o scritto e delle sue parti a seconda degli interlocutori reali cui effettivamente lo si vuole destinare, ciò che implica il contemporaneo e parimenti adeguato rispetto sia per le parlate locali, di raggio più modesto, sia per le parlate di più larga circolazione. (G.I.S.C.E.L 2018)

Damit eine derartige Spracherziehung durchgesetzt werden kann, benötigt es Lehrer, die mit besonderer Aufmerksamkeit die Bedürfnisse des Unterrichts beobachten und Kenntnisse in der Linguistik besitzen. Nur mit dem nötigen Wissen über die historische Entwicklung der Varietäten, mit theoretischem Wissen über die Sprachstruktur sowie mit soziolinguistischem Wissen können die neuen Ziele erreicht werden. Daher gestaltet sich der Italienischunterricht nach dem Modell von Giscel als komplexer als jenes Modell, das auf die Imitation der Standardsprache ausgerichtet war (vgl. G.I.S.C.E.L 2018).

Darüber hinaus publiziert Giscel Bücher und Artikel, kooperiert mit Schulen und beantwortet auf ihrer Homepage Fragen, um so zur sprachlichen Bildung beizutragen. Dabei ist eine Zusammenarbeit mit Universitäten und Linguisten gewährleistet. Neben der nationalen Initiative mit Alberto Sobrero als it. segretario nazionale gibt es des Weiteren regionale Zusammenschlüsse, die sich besonders mit ihren regionalen sprachlichen Varietäten auseinandersetzen und ihrerseits Treffen und Konferenzen organisieren sowie Artikel und Bücher publizieren (vgl. G.I.S.C.E.L 2018).

Diese Initiative stellt somit einen aktuellen Gegenentwurf dar, der auf die komplexe Architektur des Italienischen mit ihren vielfältigen Dialekten und ihren italiani regionali eingeht und für die Schule eine Möglichkeit bietet, diesem sprachlichen Spektrum gerecht zu werden.

6. Fazit

Noch nach dem Faschismus und zu Beginn der Republik war der Dialekt fast das einzige Kommunikationsmittel großer Teile der italienischen Gesellschaft. Die italienische Standardvarietät wurde hauptsächlich in offiziellen und formellen Angelegenheiten genutzt, wohingegen der persönliche Alltag vom Dialektgebrauch dominiert war. Heutzutage wird fast überall Italienisch gesprochen, wobei dabei nicht etwa der Standard im Gesprochenen verwendet wird, sondern vielmehr die regionale Varietät (vgl. de Mauro 2014, 140f). Wie bereits aufgeführt hat die Verbreitung des Italienischen in der Schule zur Folge gehabt, dass sich die italiani regionali durchgesetzt haben, da sie aus der Bemühung der Dialektsprecher Italienisch zu sprechen heraus entstanden sind. Ein Kontakt zwischen dem Standard und dem jeweiligen Dialekt hat folglich das entsprechende italiano regionale evoziert (vgl. de Mauro 1970, 142).

Daher ist das italiano regionale wichtiger Bestandteil der individuellen sprachlichen sowie kulturellen Identität und gleichsam Ausdruck der geographischen Herkunft. Die regionalen Varietäten sind somit die Antwort auf den Versuch des Staates dem italienischen Volk eine neue Standardvarietät zu verleihen ohne dabei Rücksicht auf die dialektalen Differenzen der Sprecher zu nehmen.

Die italiani regionali sind dementsprechend als Kompromiss zu verstehen zwischen der Aufnahme der Standardvarietät mit dem Ziel der Verständigung und problemlosen Kommunikation aller Italiener untereinander sowie der Beibehaltung regionaler Unterschiede und Charakteristika, die Teil der Identität der Sprecher sind und zudem dem kulturellen und sprachlichen Erbe Italiens mit seinen vielfältigen sprachlichen und kulturellen Unterschieden zu verdanken sind. Vielfalt und Austausch sind stets positiv zu bewerten. Doch welche sprachliche Vielfalt und welchen sprachlichen Austausch könnten die Italiener untereinander noch aufweisen, wenn von Bozen bis nach Palermo alle dieselbe Varietät sprechen würden? Tagliavinis Bemühungen die italiani regionali durch den Standard zu ersetzen erscheint in diesem Zusammenhang nicht als gewinnbringend. Das sprachliche Erbe sowie die dadurch entwickelte Identität sollten behalten werden, um einer kulturellen Vielfalt gerecht zu werden.

Die Sprachaufnahmen Tagliavinis sind tatsächlich überaus interessant und als Zeugnis einer für die damalige Zeit fortschrittlichen technischen Überlieferung zu verstehen. Die ersten auf Schallplatten aufgenommenen Sprachdaten des italiano regionale können interessante Aufschlüsse über die Variation der in ganz Italien gesprochenen Sprache bieten. Vergleiche untereinander sind dabei ebenso aufschlussreich und gewinnbringend wie Vergleiche mit dem heutigen gesprochenen Italienisch, um so die Entwicklung der einzelnen italiani regionali zu untersuchen.

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