Mittelalterliche Migrationsvarietäten und ihre Resilienz: das Galloitalische in Sizilien





Abstract

Der Begriff Migrationslinguistik ist keine 20 Jahre alt; das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass migrationslinguistisch relevante Daten bereits seit viel früherer Zeit zur Verfügung stehen. Sie wurden teils zufällig (im Hinblick auf einzelne Informanten), teils durchaus absichtlich (im Hinblick auf bestimmte Lokaldialekte) durch die ‘klassische’ Geolinguistik erhoben: So enthält das Ortsnetz des AIS eine ganze Reihe von Punkten mit Dialekten, die auf spätmittelalterliche, frühneuzeitliche oder zum Zeitpunkt der Erhebung gar rezente Immigrationsvarietäten zurückgehen. Bemerkenswert ist vor allem eine Gruppe sizilianischer Orte, in denen sich nach der Rechristianisierung (seit 1061 n.Chr.) zahlreiche Kolonisten aus Nordwestitalien mit sog. galloitalischen Dialekten ansiedelten. Diese Ortsdialekte lassen sich auf ein Kontinuum zwischen den Polen weitestgehender Erhaltung und sehr fortgeschrittener Auflösung in ihrer ebenfalls romanischsprachigen Umgebung abbilden (vgl. Krefeld 2021d). Obwohl diese Ausgangslage einen systematischen Vergleich im Hinblick auf die besonders dauerhaften (‘resilienten’) Merkmale nahelegt, ist dergleichen niemals unternommen worden. Es erhebt sich z.B. die Frage, wie sich besonders saliente phonetische Erscheinungen in dieser Hinsicht verhalten. Die mittlerweile gut vorangeschrittene lexikalische Dokumentation (vgl. Trovato 2013, 2018 und Trovato/Valenti 2013) zeigt weiterhin, dass sprachliche Resilienz grundsätzlich im Zusammenhang mit kultureller Resilienz zu sehen ist. 

1. Prolog: Migrationslinguistik – auch diachron!

Der Ausdruck ‘Migrationslinguistik’ wurde 2004a lanciert und konnte sich seitdem etablieren. Es ist allerdings auffällig, dass seine Rezeption weitestgehend durch synchrone Forschungsinteressen geleitet wurde. Denn die diachrone Relevanz war dem Konzept zwar von Anfang an explizit eingeschrieben; sie wurde jedoch  angesichts der deutlich verengten Rezeption offensichtlich deutlich schwächer wahrgenommen; immerhin gibt es bemerkenswerte Ausnahmen wie Scharinger 2018 und die Beiträge in Schöntag/Massicot 2019. Sprachgeschichte wird meistens aus nationaler Perspektive geschrieben und dabei wird in scheinbarer Selbstverständlichkeit die Nationalsprache in Gestalt ihrer Standardvarietät in den Mittelpunkt gerückt.  

2. Die sprachliche Stratigraphie Sizilien

Nur selten liegt der Fokus auf der Geschichte regionaler Sprachräume, und es ist vielleicht kein Zufall, dass eine leuchtende Ausnahme (Varvaro 1981) gerade Sizilien gewidmet wurde (vgl. auch Krefeld 2019t). Dort wurden die spezifischen und sehr komplexen Entwicklungen in weitem Ausmaß durch Migrationsbewegungen ausgelöst. In dieser Hinsicht ist Sizilien im romanistischen Kontext zweifellos exemplarisch; es wäre keineswegs übertrieben das Sizilianische als solches als eine postmigratorische Kontaktvarietät zu bezeichnen. Die folgende Graphik schematisiert die sprachgeschichtliche Stratigraphie der Insel und lokalisiert gleichzeitig den hauptsächlichen Gegenstand dieses Beitrags, das Galloitalische:

CHRON. STRATA
2021    Sizilianisch (und Italienisch)  
1282 ↑ Superstrat: Katalanisch, dann Spanisch (bis ins 19. Jh.)
1087 ↑ Galloitalisch    
1061 ↑ Superstrat: Nordgalloromanisch, vor allem Normannisch
827 n.C. Superstrat: Arabisch (Reste bis 1246; in jüdischen Gem. bis 1492) und Berberisch
241 v.C. Lateinisch
 Griechisch
8. J. v.C. Elymisch Sikanisch Sikulisch Phönizisch
Vereinfachte Stratigraphie der Sprachgeschichte Siziliens
(identische Farben zeigen historische Kontinuität)

Die Visualisierung des Schemas ist sprachbezogen und die Darstellung der Sprachen in Gestalt farblicher Felder rückt ihre jeweilige semiotische Selbstständigkeit in den Vordergrund; sie verdeckt jedoch die gewissermaßen osmotische Durchlässigkeit der Sprachen, die sich in gegenseitiger Beeinflussung niederschlägt. Eine komplementäre sprecherbezogene Visualisierung müsste weiterhin die eigentliche Instanz des Sprachkontakts fokussieren, nämlich die bilingualen Individuen.

3. Demographische Dynamik und die Entstehung von Migrationsvarietäten1Dieses Kapitel ist ein modifizierter Aussschnitt aus Krefeld 2019s.

Der Fall des so genannten Galloitalischen ist mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. In romanistischer Perspektive ergibt sich eine  Parallele zur Sprachgeschichte der Iberischen Halbinsel, die sich mit den Schlagwörtern der militärischen Eroberung (span. reconquista), der Rechristianisierung und der Zuwanderung von Siedlern (span. repoblación) umreißen lässt. Ein systematischer sprachgeschichtlicher Vergleich wäre sicherlich lohnenswert. 

Insbesondere lässt sich die Entwicklung allochthoner postmigratorischer Varietäten im Kontakt mit recht eng verwandten, autochthonen romanischen Varietäten beobachten. Die normannischen Eroberungskriege (vgl. Krefeld 2021b) führten zu einem tiefgreifenden demographischen Wandel Siziliens, denn im Gefolge ergab sich eine massive Einwanderung norditalienischer Siedler, deren Sprache meist als galloitalisch (galloitalico) bezeichnet und so in der italienischen Forschung vom ‘Galloromanischen’ aus dem Gebiet des heutigen Frankreich unterschieden wird: 2Diese Terminologie ist denkbar unglücklich, denn selbstverständlich ist das ‘Galloitalische’ ist ja eigentlich Teil des ‘Galloromanischen’; die Unterscheidung ist jedoch speziell in der italienischsprachigen Forschung fest etabliert und muss hier nicht weiter diskutiert werden (vgl. Toso 2010d).

"La guerra normanna di conquista della Sicilia, durata un trentennio (1061: presa di Messina, 1072: caduta di Palermo, 1091: caduta di Butera, Noto e Malta), aveva creato notevoli vuoti demografici. L'elemento arabo, però, restava numeroso, forte e sempre pronto a riprendere le armi. La politica matrimoniale degli Altavilla, imparentatisi più volte con gli Aleramici del Monferrato - Ruggero aveva sposato nel 1087 in terze nozze Adelasia del Monferrato e il fratello di lei, Enrico, aveva sposato Flandina, figlia di Ruggero -, e la necessità di poter contare su popolazioni fedeli nella lotta contro gli arabi, sono i presupposti per l’emigrazione di popolazioni italiane settentrionali verso la Sicilia. Ad Enrico viene concesso un feudo assai esteso e ricco che si estende da Paternò, nella Sicilia orientale, fino a Butera, e che include le terre di Piazza Armerina e di Mazzarino. La disponibilità di terre così vaste da ripopolare o da rimpinguare demograficamente e la necessità del controllo del territorio, creano un flusso migratorio potente dalla Liguria e dal Piemonte meridionale. Tale flusso, favorito da un diffuso disagio sociale nell’entroterra ligure e nella Cispadana (Petracco Sicardi 1965: 129-130), viene incoraggiato dagli Aleramici (Pfister 1988: 34-37 e 1994: 27-29) e da religiosi dell’isola (Peri 1959: 274), pronti a concedere agli immigrati importanti franchige e privilegi (Peri 1978: 97, Pfister 1988: 34-37)." (Trovato 2013, 280)

Um die historische Sprachsituation richtig zu verstehen, ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass die galloitalischen Varietäten niemals isoliert waren, sondern seit der Einwanderung in engem, lokalem Kontakt mit genuin sizilianischen Varietäten standen. Es handelt sich also nicht um ‘Sprachinseln’, obwohl sie oft so bezeichnet werden:

"Le popolazioni italiane settentrionali immigrate [...] si sono sempre insediate in località abitate da siciliani e non hanno mai fondato (o rifondato) città nuove o comunque disabitate. Fin dall’inizio, perciò, lo scontro tra due realtà linguistiche diverse, il siciliano e il galloitalico, fu inevitabile." (Trovato 2013, 285) 

Die Orte mit norditalienischen Einwanderern werden mit einem etwas irreführenden Ausdruck auch als ‘Lombardia siciliana’ bezeichnet. Genauer gesagt lassen sich zwei Gruppen unterscheiden, je nachdem, ob sich die jeweiligen Dialekte im Ganzen als dominant galloitalisch charakterisieren lassen oder ob sich nur mehr oder weniger viele galloitalische Varianten finden (vgl. Trovato 2013, 277 und Foti 2015, I, Anm. 1). Im ersten Fall sind in Sizilien Migrationsvarietäten, genauer: postmigratorische Varietäten entstanden, die sich trotz sizilianischer Kontakteinflüsse durch eine ausgeprägte Resilienz auszeichnen.

14 Zentren  mit galloitalischen Varietäten (resiliente postmigratorische Varietäten)
Provinz Gemeinde Provinz Gemeinde
Messina San Fratello (= AIS 817) Catania Randazzo
Acquedolci Enna Nicosia
San Piero Patti Sperlinga (= AIS 836)
Montalbano Elicona Piazza Armerina
Novara di Sicilia Aidone (= AIS 865)
Fondachelli-Fantina (= AIS 818)  
Siracusa Ferla
Buccheri
Càssaro
10 Orte mit mehr oder weniger zahlreichen galloitalischen Varianten im lokalen Sizilianischen
Provinz Gemeinde Provinz Gemeinde
Messina Roccella Valdemone Catania Bronte (= AIS 838)
Santa Domenica Vittoria Maletto
Francavilla Caltagirone
Enna Valguarnera Caropepe Mirabella Imbaccari
Palermo Corleone San Michele di Ganzaria (= AIS 875)
  Piedimonte Etneo
Linguaglossa

Wie man sieht, gehören sechs Orte (vier aus  ersten und zwei aus der zweiten Gruppe) zu den Aufnahmeorten des AIS. In einer dritten Gruppe kann auf Grund nur weniger Merkmale eine ehemals vorhandene galloitalitalische Komponente vermutet werden. Die folgende Karte gibt einen Überblick: 

galloitalische Varietät ( AIS-Ort)
 
sizilianische Varietät mit galloitalischen/norditalienischen Varianten ( AIS-Ort)
untergegangene galloitalische Varietät oder verschwundene norditalienische Varianten3Der in Trovato 2013, 278, Karte IV.2 genannte untergegangene galloitalische Ort Fundarò konnte nicht georeferenziert werden.
 das hypothetische Auswanderungsgebiet im Spiegel der AIS-Punkte (nach Trovato 2018, 231 und Petracco Sicardi 1969, 337)
weitest mögliche Isoglossen galloitalischer Merkmale in Sizilien und Nordwestitalien (nach Trovato 2018, 231 und Petracco Sicardi 1969, 337)
Karte 1 - Lombardia siciliana

Es liegt nahe hinter der Topographie der Ansiedlung einen strategischen Plan zu vermuten, einerseits "lo scopo di tagliare in due le comunità arabe della Sicilia sudorientale da quelle della Sicilia occidentale e impedir loro di congiungere le forze (Varvaro 1981, 186)" (Trovato 2013, 276), andererseits liegen die Orte wie ein Ring um Catania4Vgl. in diesem Sinne auch die Einschätzung von Henri Bresc: "Di fronte a una popolazione profondamente musulmana e arabizzata, divisa però tra i partiti e ambizioni dinastiche, la monarchia francese e la feudalità d’importazione contavano sulla sola forza militare, mentre il sostegno dei Greci del Valdemone era incerto e debole - anche se non si sono verificati in Sicilia casi di alleanza durevole tra Cristiani arabizzati, Mozarabi, e maggioranza musulmana. L’immigrazione di nuclei importanti di Cristiani latini pare dunque necessaria per assicurare prima un equilibrio, e per rovesciare dopo il rapporto delle forze: non dimentichiamo le rivolte musulmane nei primi tempi che seguono la conquista. La triplice alleanza matrimoniale che porta in Sicilia , accanto agli Altavilla, i marchesi Aleramici appare chiaramente come un atto indirizzato ad assicurare il popolamento latino: sono pochi i Francesi che immigrano nell’isola tranne feudatari, soldati e membri del clero mentre i Lombardi tagliano l’isola in due, isolando dietro una cortina di grosse comunità, democratiche e solidali, le due regioni musulmane di Val di Mazara e Val di Noto; San Fratello, Vaccaria, Sperlinga e Nicosia, Castrogiovanni, Piazza e Aidone, Mazzarino e Butera separano due zone senza penetrarle mentre gruppi più piccoli, a Santa Lucia, Randazzo, Maniace e Paternò inquadrano il Valdemone e sorvegliano la Catania aleramica. L’immigrazione lombarda massiccia animata da uno spirito di comunità e da una coscienza della propria identità destinati a durare fino al ‘400, non lascia purtoppo identificare le proprie origini" (Bresc 1984, 246)..

4. Ein Laboratorium für den historischen Varietätenkontakt

Die unterschiedlich guten Erhaltungs- oder: Erosionsstufen des Galloitalischen bieten sehr gute Voraussetzungen für die Untersuchung des historischen Varietätenkontakts; es lässt sich gewissermaßen beobachten, wie sich das System alter Migrationsvarietäten in der Umgebung (nicht sehr eng) verwandter Varietäten  auflöst und mit welchen gesellschaftlichen Parametern diese Prozesse korreliert sind. Eine breit angelegte vergleichende Untersuchung fehlt leider; sie könnte im Übrigen noch andere galloitalische Sprachinseln in Süditalien berücksichtigen, die im AIS ebenfalls erfasst wurden:

galloitalisch |  okzitanisch |  frankoprovenzalisch
Karte 2: Im AIS erfasste norditaloromanische Varietäten in Süditalien

Durchweg markant ist die phonetische Sonderstellung der galloitalischen Orte in ihrem jeweiligen Umfeld. Sie zeigt sich schön im silbenstrukturellen Unterschied zwischen norditalienischen Dialekten einerseits und mittel- und süditalienischen Dialekten andererseits. Da im Norden unbetonte, insbesondere auch auslautende Vokale (mit Ausnahme von -a) weithin systematisch weggefallen sind und zudem intervokalische Konsonanten oft geschwunden sind, haben sich regelhaft zahlreiche einsilbige Wörter und Wörter mit komplexen Silben (K(K)V(K)K) ergeben, wogegen im Süden generell eher KVKV -Strukturen dominieren. So zeigen fast alle galloitalischen Orte in Sizilien, Kalabrien und Apulien - und nur diese - einsilbige Varianten, [pã], [pɛ̃], [paŋ] ‘pane’, anstatt der zweisilbigen Varianten   [panə/pani] (vgl. AIS 985): 

Karte 3: Einsilbige Kognaten von lat. pane(m) ‘Brot’ in galloitalischen Orten Süditaliens 

4.1. Die aktuelle Situation aus soziolinguistischer Sicht: drei Szenarien 

Es wäre wohl abwegig, die galloitalischen Orte als ethnische Minderheit zu klassifizieren, denn es handelt sich um

"comunità interamente assimilate alla circostante sicilianità nella strutturazione dei rapporti sociali, nella cultura, nelle «condizioni di vita e nell’habitat» (Cardona [...])". (Orioles 1999, 214)

Mit der Assimilation an die "circostante sicilianità" ist gemeint, dass sich die galloitalischen Orte nicht durch eine eigenständige Kultur auszeichnen. Das heißt aber nicht, dass die historische Richtung der  Assimilation, besser: Akkulturation, ausschließlich in der Übernahme autochthoner sizilianischer Kulturtechniken und Gebräuche seitens der galloitalischen Einwanderer bestanden hätte. Denn es gibt durchaus Indizien für die umgekehrte Richtung, also für die Übernahme importierter, galloromanischer Techniken durch die Sizilianer. Ein bemerkenswertes Beispiel liefert die Bezeichnung des Konzepts KÄSE (s.u.).

Ebenso wenig wie eine ethnische Minderheit bilden die galloitalici eine offiziell anerkannte Minderheit im Sinne des nationalen italienischen Sprachenrechts (Legge 442/1999); aber immerhin sind sie auf regionaler Ebene in den Registro delle Eredità immateriali della Sicilia eingetragen (REI 2018). Ein starker sozialer Zusammenhalt bestimmter Sprechergruppen - wenn auch nicht unbedingt der ganzen Sprachgruppe - steht jedoch außer Frage. Allerdings ist es nicht leicht sich einen aktuellen Überblick über die sprachliche Situation des Galloitalischen zu verschaffen. Zwar lässt sich grundsätzlich sagen, dass es sich um informelle Varietäten handelt, die eher von vertrauten Gesprächspartnern in informellen Situationen gebraucht werden. Die Vitalität ist jedoch durchaus unterschiedlich:

"Riguardo ai tipi di utenza, la condizione generale, è l’uso del galloitalico nell’ambito familiare e nei rapporti abituali all’interno della comunità, pur con condizioni differenziate tra centri con buona conservazione (Nicosia, Sperlinga, S. Fratello e Novara, almeno fino agli anni 60, dal momento che oggi qui il gallotalico è soggetto a crisi perchè poco usato dagli uomini), e centri con restrizioni d’uso all’interno di piccoli gruppi o con regressione in zone periferiche e in quartieri „antichi“, come nel caso del piazzese, nonché in ambiti limitati (ad. es. ad Aidone in campagna e sul posto di lavoro)." (Mocciaro 1999, 194)

Wenn Sprecher das Galloitalische nicht benutzen oder gar aufgeben, geschieht dies im Allgemein eher zu Gunsten des lokalen Sizilianischen und nicht des Italienischen:

"tutti i fattori socioculturali [...] favoriscono, infatti, prima il siciliano e solo al livello alto l’italiano; questo è veicolato, oltre che da fatti culturali e politici, da forme della vita moderna (commercio, alcune forme di artigianato e dell'industria, mass-media), dai contatti con l'esterno, nonché, almeno per il passato, dagli effetti dell'emigrazione di ritorno, più marcati per quanto riguardava i bambini." (Mocciaro 1999, 197)

Aber mit Fremden wurde spontan eher das Sizilianische als das Italienische benutzt, ebenso in „in contesti più o meno ufficiali, come in occasione delle serenate alla ragazza, o nel chiedere in sposa una donna“ (Mocciaro 1999, 197, Anm. 24).

Eine genaue soziolinguistische Bestandsaufnahme ist also erforderlich. Antonia G. Mocciaro 1999, 207 hat die Faktoren herausgearbeitet, die bei einer vergleichenden Typisierung berücksichtigt werden sollten; sie sind über Sizilien hinaus grundsätzlich relevant für die Beschreibung von Szenarien prekärer sprachlicher Vitalität:

"a) correlazioni tra atteggiamenti autovalutativi e comportamento linguistico nei riguardi della parlata tradizionale;
b) [...] l'interdipendenza tra processi socioeconomici e mutamenti linguistici [...] (contatti con l'esterno e pendolarismo, migrazioni temporanee, ecc.);
c) verifica delle condizioni di bilinguismo (con situazioni di instabilità quando è all'interno della comunità stessa) in relazione als fattore ‘interlocutore’ [...];
d) [...] la variabile sesso, ruolo delle donne nei riguardi della conservazione della tradizione linguistica, nonché dell'influenza della madre nella educazione linguistica dei figli;
e) comportamento della classe colta e recupero consapevole del galloitalico;
f) esame della varietà locale di siciliano attraverso la scelta di indicatori linguistici come forme ‘miste’ e ibridismi." (Mocciaro 1999, 207)

Die Ausprägung dieser Parameter ist durchaus nicht vorhersehbar, sondern kann sehr stark divergieren.   So spricht Orioles im Hinblick auf den in der Dialektologie und Variationslinguistik immer wieder thematisierten Parameter d) vom:

"diverso comportamento comunicativo della donna, ora conservatrice come a Novara di Sicilia, ora proiettata verso l’innovazione come a Nicosia [...]" (Orioles 1999, 213)

Antonia Mocciaro 1999, 200 hat diesen Aspekt exemplarisch an konkreten Merkmalen spezifiziert. Sie konnte beobachten,  dass zwei typisch galloitalische Merkmale, die in Sperlinga unmarkiert sind, in Nicosia nur noch von älteren Frauen5Tropea berichtet noch 1970, dass Frauen sogar sicherere Informanten bei der Erhebung des Lexikons typisch männlicher Tätigkeiten waren (Getreideanbau, Pflug, Hirtenwesen; vgl. Mocciaro 1999, 199, Anm. 35 in einem speziellem Stadtviertel realisiert werden:

  • Velarisierung von finalem [-n] > [-ŋ], z.B. [paŋ] ‘pane’, [domaŋ] ‘domani’;
  • Endvokale [-ə], [-ø].

Ein ähnliches Beispiel aus Novara di Sicilia zeigt die variationslinguistische Komplexität, denn  während sich die geschlechtsspezifische (diasexuelle) Markierung verloren hat, konnte sich die Variante als freies Allophon verallgemeinern (Daten aus Mocciaro 1999, 200; Schema von Th.K.):

  Männer Frauen
1970  [an] santo, stanza, lampo [ɛ̃n] [ˈs:ɛ̃ntu], [ˈstɛ̃nʣa], [ˈlɛ̃mpu]
1999 individuelles Schwanken [an]/[ɛ̃n] 

Auch der Parameter e),  die Loyalität der gesellschaftlichen Oberschicht zum Galloitalienischen, ist differenziert zu betrachten; denn in manchen Orten (Aidone und San Fratello) konnte eine  „[r]ivalutazione del dialetto galloitalico presso le classi alte" (Mocciaro 1999, 200) verzeichnet werden, die sich nicht zuletzt im aktiven Gebrauch des galloitalico bei Student*innen und beruflich gut qualifizierten Sprecher*innen ("diplomati") zeigt.

Wo das Galloitalische dagegen in der jüngeren Generation stark zurückgeht, erweist sich - wie auch in vergleichbaren anderen Gebieten - die scherzhafte  Verwendung als letzte Nische (vgl. Mocciaro 1999, 194).

Die soziolinguistische Situation der galloitalischen Varietäten (Symbole  auf Karte 1) ist also durchaus unterschiedlich; in einer recht aktuellen Synthese unterscheidet Salvatore Trovato 2013, 280 f.  grosso modo drei Szenarien, die jedoch im Detail spezifiziert werden müssten6Drei der von Trovato aufgezählten Orte mit galloitalischer Varietät, nämlich Acquedolce (verhält sich vermutlich wie San Fratello), Buccheri und Càssaro, werden in seiner Typik nicht erfasst..

4.1.1. Szenario 1

In drei Orten, San Fratello (= AIS 817), Nicosia und Sperlinga (= AIS 836), ist das Galloitalische stabil ("gode ancora di buona salute"; Trovato 2013, 280) und wird neben einer lokalen sizilianischen Varietät gebraucht, "ma in situazioni diafasiche diverse" (Trovato 2013, 280 f.). Es gibt also gewissermaßen einen dialektalen Bilinguismus, unter dem Dach des Regionalitalienischen.

4.1.1.1. San Fratello (= AIS 817):

In diesem Ort (vgl. dazu jetzt Foti 2015) zeichnet sich das Galloitalische durch „una gagliarda vitalità e una granitica compatezza“ (Tropea zitiert in Trovato 1989, 362) aus. Trovato weist im selben Zusammenhang auf die  „spiccata endogamia“ und den „spiccato orgoglio dei Sanfratellini“ (vgl. Tropea 1974)  hin und betont   

"la quasi ermetica chiusura dei Sanfratellini nei confronti dei Siciliani dell’area circostante chiamati spregiativamente ʂʈɽakkwei o marräni." (Trovato 1989, 362)

Im Wesentlichen wurden die Ergebnisss der bereits etwas älteren Fallstudie von Giovanni Tropea 1974 bestätigt.

4.1.1.2. Nicosia

In diesem Ort gelten ähnliche Verhältnisse wie in San Fratello:

"Di buona salute gode pure il dialetto galloitalico di Nicosia. Esso viene parlato da tutti gli strati sociali [...] gode di un relativo prestigio al punto che anche le classi sociali piú elevate, che pure indolgono (soprattutto le donne) al siciliano del posto e all’italiano, lo parlano con disinvoltura e spesso anche con orgoglio." (Trovato 1989, 363)

Allerdings notierte Trovato in derselben Arbeit bereits den „inizio di un malessere“ (Trovato 1989, 364), denn die jüngere Generation geht zum Italienischen oder auch zum Sizilianischen über:

"[I] ragazzi delle nuove generazioni, soprattutto in ambiente piccolo-borghese, sono stati abituati fin dall’infanzia all’italiano da genitori che tra di loro parlano per lo più il siciliano del posto. Diventati grandi, al di fuori dell‘ambiente familiare, questi ragazzi passano per lo più dall’italiano, come lingua abituale, al siciliano del posto, ma non al galloitalico." (Trovato 1989, 364)

4.1.1.3. Sperlinga (= AIS 836)

Dieses kleine Zentrum steht sprachlich dem zuvor genannten Nicosia sehr nahe; in soziolinguistischer Hinsicht  scheint das Galloitalische  aber im Jahre 1989 noch fester verankert gewesen zu sein:

"[...] il galloitalico tradizionale molto simile al nicosiano, del quale può considerarsi la variante rustica ma non quella arcaica, è parlato da tutti gli strati della popolazione in qualsiasi contesto e situatzione, mentre il siciliano del posto, anche questo fortemente e pesantemente condizionato dal galloitalico, è usato solo nei rapporti coi forestieri e con qualche difficoltà da parte dei Sperlinghesi." (Trovato 1989, 364)

4.1.2. Szenario 2  

In einigen anderen Orten (Piazza Armerina, Aidone) ist eine vergleichbare Konstellation noch rudimentär vorhanden, aber der Verwendungsbereich des Galloitalischen ist mittlerweile stark eingeschränkt auf eine "funzione ludica e poetica e sempre meno [...] comunicativa" (Trovato 2013, 281).

Es liegt so eine sehr spezielle Situation von Mehrsprachigkeit vor, die in der bekannten Typik diglossieartiger Konstellationen  von Berruto 1987b nicht erfasst wird (Link). Sie zeichnet sich durch das Nebeneinander von zwei lokalen Dialekten im informellen Bereich aus, die jedoch mit unterschiedlichem Prestige versehen sind. Auf der Grundlage von Tropea 1974, 383 und Mocciaro 1999, 200 lässt sich das folgende Schema ableiten:

formell: schriftlich Standarditalienisch
mündlich Lokales Italienisch
informell: soziales Prestige +   Dialekt 2: Sizilianisch
soziales Prestige - Dialekt 1: Galloitalisch  
  bidialektale 'Diglossie'

4.1.2.1. Piazza Armerina

Ganz anders präsentierte sich im Jahre 1989 die Situation in diesem großen und wirtschaftlich wichtigen Ort:

"In rapido declino e in via di sparizione è il galloitalico di Piazza Armerina [...] piccoli gruppi di contadini e pastori i quali solitamente evitano di usarlo quando si recano in paese [...] viene parlato come codice misto col siciliano del posto. Quest’ultimo è fortemente influenzato [...] dall’antico dialetto galloitalico." (Trovato 1989, 364)

Aber dennoch konnten zwei, wenn man so will, sprachökologische Nischen beobachtet werden, in denen sich das Galloitalische gut behauptete:

"[...] come lingua della poesia vernacolare e, in particolar modo dalle nuove generazioni, in funzione ludica: chi vuole far dello spirito, soprattutto tra gli studenti della città, parla o tenta di parlare il dialetto galloitalico tradizionale." (Trovato 1989, 364)

4.1.2.2. Aidone (= AIS 865)

In diesem kleinen Zentrum ist das Galloitalische nurmehr Sprache weniger Familien und wird allenfalls noch wenig bei der Landarbeit gesprochen. In der örtlichen Öffentlichkeit wird es als stigmatisierend empfunden; es herrscht ein  „attegiamento di ostilità contro il ‹vernacolo›“  (Mocciaro 1999, 197, Anm. 25).  In vergleichender Perspektive wurde der Ort von Antonia Mocciaro wie folgt charakterisiert:

"La situazione di bilinguismo dialettale dei sei centri è strettamente correlata con atteggiamenti autovalutativi nei confronti della parlata tradizionale: all’orgoglio per la propria parlata, a S. Fratello, e al prestigio ad essa attribuito a Nicosia, si oppone, ad es. una valutazione decisamente negativa ad Aidone, dove l’uso del ‘vernacolo’ è osteggiato nei bambini e giudicato ‘rozzo’ e ‘anacronistico’." (Mocciaro 1999, 194)

4.1.2.3. Novara

Dieser Ort ist relativ schlecht erforscht; das Galloitalische scheint sich hier zu einer verhältnismäßig gut erhaltenen, häuslichen Sprache der Frauen entwickelt zu haben „che conducono ancora una vita legata all’ambiente domestico“ (Trovato 1989, 363).

4.1.3. Szenario 3

In den restlichen Orten (San Piero Patti, Montalbano Elicona, Novara, Fondachelli-Fantina [= AIS 818], Randazzo, Ferla) gibt es keinen dialektalen Bilinguismus, aber doch ein Bewusstsein "della diversità del dialetto che vi si parla" (Trovato 2013, 281).

Die folgende Karte lokalisiert die Orte der drei Konstellationen:

Legende:
Szenario (1): stabiler dialektaler Bilinguismus Galloitalisch | Sizilianisch
 Szenario (2): dialektaler Bilinguismus mit stark eingeschränktem Verwendungsbereich
 Szenario (3): kein dialektaler Bilinguismus; Bewusstsein dialektaler Besonderheit

Karte 4: Soziolinguistische Konstellationen des Galloitalischen

4.2. Resilienz, Substitution und Innovation im galloitalisch-sizilianischen Kontakt

Von grundsätzlichem Interesse bei der Untersuchung von Varietätenkontakt ist die Frage nach dem Verhältnis von Resilienz und Dynamik in den sprachlichen Teilsystemen. Um einen exemplarischen Eindruck zu gewinnen folgen vier Karten, mit den dialektalen Versionen des Satzes beverei se ci fosse acqua fresca ‘ich würde trinken, wenn es frisches Wasser gäbe’. Denn daraus lassen sich sowohl Beobachtungen zur Phonetik wie zur Morphosyntax ableiten (die Syntax wurde ja in den traditionellen Atlanten bekanntlich nur ganz marginal erfasst): 

beverei se ci fosse acqua fresca
1. Pers.
Konditional
Konjunktion Lokaladverb 3. Pers.
Konjunktiv II
Nomen f. Adjektiv f.
ich würde trinken wenn hier wäre Wasser frisches
Abb. 1 Abb. 2 Abb. 3 Abb. 4

 Die folgenden vier Karten (Abb. 1 - 4) dokumentieren die erhobenen Varianten.

Auschnitt AIS 1035 BEVEREI (Link)

Ausschnitt AIS 1036 SE CI FOSSE 1036 (Link)

Ausschnitt AIS 1037 ACQUA (Link)

Ausschnitt AIS 1038 FRESCA (Link)

4.2.1. Phonetik

Eine systematische Analyse der Phonetik wäre sehr ergiebig; sie nimmt zweifellos eine Sonderstellung ein. Einerseits ist die ausgeprägte Resilienz unübersehbar, sie liefert zahlreiche deutliche Indizien für die Provenienzbestimmung, wie ein Blick auf die Kognaten von lat. aqua (Abb. 4) zeigt. Ein Teil der galloitalischen Varietäten (P 817, P 836, P 865) unterscheidet sich vom Rest der sizilianischen Formen durch die Palatalisierung des betonten lat. [a] > [ε] bzw. diphthongiertem [εw]; spezifisch ist weiterhin die Entwicklung des Nexus [kw] > [gw] bzw. [w]. Die entsprechenden Formen [εwa] bzw. [εwgwa] finden direkte Parallelen im Nordwesten Italiens:

[a] > [ε] und [kw] > [w] / [gw] in Varianten von acqua (Nordwesten Italiens; Link)

Andererseits zeigen manche galloitalische (P 818) bzw. galloitalisch geprägte (P 838, P 875) Varietäten die Übernahme der sizilianischen Formen ohne jegliche Adaptation. Es wäre interessant zu testen, ob diese Substitution dort besonders nahe liegt, wo die galloitalische und die sizilianische Form von den Sprechern selbst - intuitiv - als phonetische Varianten ein und desselben lexikalischen Typs verstanden werden; das ist bei [εwgwa] vs. [ak(k)wa] sehr gut möglich, bei [εwa] vs. [ak(k)wa] viel unwahrscheinlicher, denn die galloitalische Varianten unterscheidet sich perzeptiv so stark, dass sie von den Sprechern womöglich als eigener lexikalischer Typ interpretiert wird. Perzeptionstests wären aufschlussreich, um die Interaktion der Varianten/Varietäten im Kontakt besser zu verstehen.

Neben Resilienz und Substitution gibt es in der Phonetik auch eindeutige postmigratorische Innovationen, die zwar kontaktinduzierte aber originäre Entwicklungen sind. Dazu ein anderes, nicht gerade erwartbares Beispiel. In Sizilien wie auch sonst in einem großen Gebiet Süditaliens wird das intervokalische lange [-ll-] zum retroflexen [-ɖɖ-] (in der AIS-Transkription [ḍ]); wie der Typ coltello ‘Messer’ zeigt (vgl. die Karte AIS 979 TOGLI IL COLTELLO (A CODESTO BAMBINO)  / NIMM (DEM KINDE) DAS MESSER WEG). Aus dem folgenden Kartenausschnitt geht hervor, dass nur die galloitalischen bzw. galloitalisch geprägten Varietäten diese Entwicklung nicht mitmachen (einzige Ausnahme ist P 875). Sie zeigen Formen mit [-ll-] (P 838), bzw. mit vokalisiertem [ll] wie [kuˈt(j)ɛw]: 

Intervokalisches [-ll-] > [-ɖɖ-] am Beispiel coltello in sizilianischen Dialekten (Ausschnitt aus AIS 979;  Link)

Weiterhin zeigt der Kartenausschnitt am Beispiel des Verbs levari ‘wegnehmen’, dass initiales kurzes [l-] im Sizilianischen vollkommen stabil ist. Ausgerechnet drei galloitalische Varietäten (P 817, P 836, P 865)  ersetzen jedoch diesen initialen Lateral durch den retroflexen Plosiv [ɖ(ɖ)-]. Dieser Laut, wie im übrigen auch die konsonantische Quantität überhaupt, ist dem Herkunftsgebiet und darüber hinaus ganz Nord- und Mittelitalien vollkommen fremd; er muss also entlehnt worden sein. Seine Verwendung folgt jedoch vollkommen anderen phonotaktischen Bedingungen. Andere Karten lassen darauf schließen, dass bei der Entwicklung [l-] > [ɖ(ɖ)-] um einen ganz systematischen Prozess handelt, wie z.B. an [ɖæt] ‘Milch’ anstatt siz. latti, ita. latte (AIS 1199 IL LATTE; Link) deutlich wird. Im Übrigen macht der das Beispiel [ɖæt] ‘Milch’ auf eine äußert robuste phonotaktische Resilienz aufmerksam, nämlich den bereits erwähnten Abbau der Endvokale (außer [-a]), der für das Herkunftsgebiet und weit darüber hinaus charakteristisch ist; daraus resultiert die häufige Silbenstruktur CVC gegenüber dem der absolute dominanten CVCV-Struktur in Sizilien wie in Mittel- und Süditalien überhaupt.

4.2.2. Morphosyntax

Beim Ausgangsbeispiel beverei se ci fosse acqua fresca handelt es sich um einen Konditionalsatz im Irrealis; die Modusverwendung in romanischen Konstruktionen dieser Art variiert stark.  Abb. 2 zeigt, dass die Varietäten Siziliens in Haupt- und Nebensatz durchweg den Konjunktiv II verwenden; lediglich der Informant von P 818 setzt in beiden Fällen den Konditional. Die galloitalischen und galloitalisch geprägten Varietäten haben weitestgehend den sizilianischen Typ übernommen (so auch AIS 1630 NON SAREBBE CONTENTO); lediglich in P 817 erscheint im Nebensatz ein Konditional (furra < lat. fuerat; vgl. Rohlfs 1968, § 603). Damit fehlt jegliche Entsprechung zu den Konstruktionen des Herkunftsgebiets, die so wie der standarditalienische Stimulus im Hauptsatz Konditional und im Nebensatz Konjunktiv II setzen (vgl. AIS 1035 BEVEREI [ Link] und AIS 1036 SE CI FOSSE 1036 [Link]. Es lässt sich, mit anderen Worten, nicht die geringste Resilienz verzeichnen.  Auffällig ist jedoch die innovative Konjunktion saráw, bei der es sich allem Anschein nach um eine in Sizilien erfolgte Grammatikalisierung einer dialektalen Variante  der 3. Pers. Konditional von essere ‘sein’ (ita. sarebbe) handelt, die in modaler Verwendung im Herkunftsgebiet belegt ist (vgl.  AIS 1630 [Link]). 

4.2.3. Lexik

Die Lexik ist im Sprachkontakt grundsätzlich anders zu beurteilen als die Phonetik und die Morphosyntax.  Denn Bezeichnungen sind im Zusammenhang mit der außersprachlichen Wirklichkeit zu sehen, auf die sie referieren. Lexikalische Resilienz setzt daher in postmigratorischen Situationen oft - wenngleich nicht immer - eine ebenfalls resiliente Weiterführung mitgebrachter kultureller Techniken voraus. Diese Techniken können sich sogar als so attraktiv erweisen, dass sie sich über das spezifische Milieu der zugewanderten Gruppen hinaus verbreiten. Auch dafür liefert das Galloitalische prototypische Beispiele, wie in Valenti 2019 herausgearbeitet wird. Exemplarisch ist die generische Bezeichnung für KÄSE; sie lautet fast überall in Sizilien tumazzu. Dabei handelt es sich um einen Diminutiv von tuma, das in P 819 ebenfalls auf der Karte belegt ist  

Die generische Bezeichnung für KÄSE in Sizilien Ausschnitt aus AIS 1217 SALARE IL FORMAGGIO; Link)

Das Grundwort tuma ist auch weithin in Sizilien verbreitet; es hat jedoch meistens keine generische Bedeutung, sondern bezeichnet den FRISCHKÄSE. Ohne hier ins Detail zugehen (vgl. die Skizze in Krefeld 2018p) sei festgehalten, dass es sich bei tuma  um ein spezifisch westalpines, ursprünglich vorromanisches (keltisches?) Wort handelt, dass nur mit den galloitalischen Einwanderern nach Sizilien gelangt sein kann. Diese sekundäre Verbreitung über die galloitalischen Dialekte hinaus in ganz Sizilien lässt sich kaum anders als durch die Diffusion spezifischer Produktionstechniken erklären mit denen das Wort assoziiert war (vgl. Krefeld 2018p). Die Verbreitung in den Alpen zeigt die folgende Karte:

Die Verbreitung des Typa tuma (fr. tomme / ita. toma) in den Westalpen (Link)

Für die Resilienz von Gerätschaften und ihre weitere Verbreitung spricht – im Kontext der Milchverarbeitung –  exemplarisch die Verwendung von hölzernen Milcheimern mit einer verlängerten Daube, die in identischer Form auch in den Alpen verwendet werden:

Hölzerne Milchgefäße aus Dauben

Wie Iride Valenti 2011 gezeigt hat, ist der gesamte kulinarische Wortschatz  des Sizilianischen massiv durch Immigrationsvarianten geprägt. wobei es nicht immer einfach ist, den galloromanischen vom galloitalischen Input zu trennen. Diese Schwierigkeit ist evident im Fall des gesamtsizilianischen  Wortes für ARBEITEN, denn dieses Konzept wird nach Auskunft der einschlägigen AIS-Karte in Sizilien ausschließlich mit dem Typ travagghiári (vgl. VSES, 1085 ff.) bezeichnet:

Sizilianisch travagghiári arbeiten (Ausschnitt aus AIS 1615 LAVORARE, Link)

Die Herkunftsbestimmung ist deshalb problematisch, da das Verb sowohl in der Normandie und der Galloromania gilt (vgl. fra. travailler) als auch im Nordwesten Italiens (Link). Es steht aber außer Frage, dass direkt mit den Normannen ein anderes kulturelles und gesellschaftliches Modell etabliert wurde, das nicht zuletzt die Einführung des Feudalwesens mit sich brachte (vgl. Krefeld 2021j, Kap. 2.2.2., Link). Diesem Modell war selbstverständlich auch das Geschlecht der Aleramici verpflichtet, das für die Einwanderung der galloitalischen Bevölkerung aus ihrem Herrschaftsgebiet im heutigen Piemont verantwortlich war.

5. Epilog: Quellenkritik

Die großen Atlasprojekte der ersten Generation (vgl. Krefeld 2021h) - der AIS allen voran - bieten ein breiteres Panorama der sprachlichen Variation, als man auch den ersten Blick meint; so werden auch migrationslinguistisch relevante Daten geliefert. Gleichzeitig liegt es auf der Hand, dass die Autoren vor dem wissenschaftlichen Horizont ihrer Zeit nicht in der Lage waren, die Mehrdimensionalität der dokumentierten sprachlichen Realität  methodologisch zu bewältigen. Auch das wird am Beispiel der galloitalischen Aufnahmeorte sofort klar, wenn man in die Aufnahmeprotokolle schaut. Einige aufschlussreiche Auszüge folgen:

"817 [...] San Fratello [...]
Gemeinde: Die gallo-italienische Mundart, die in der ganzen Ortschaft von sämtlichen Einwohnern gesprochen wird, ist durchaus reinlich geschieden vom Sizilianischen, das in die Bürgerkreise der Stadt eindringt und auch im Verkehr   mit Leuten aus anderen Ortschaften gebraucht wird.
Suj.: [...] 33 Ist bewusst bodenständig und scheidet scharf zwischen Sizilianisch und eigener Mundart. [...]" (Jaberg/Jud 1928, 131)

"818 [...] Fantina [...]
Gemeinde: [kein Hinweis auf Galloitalisch; Th.K.]
Suj.: [...] 47 [...] Mundartlich im allgemeinen zuverlässig , doch zum Teil schriftsprachlich beeinflusst [...]" (Jaberg/Jud 1928, 131)

"836 [...] Sperlinga [...]
Gemeinde: [...] Die alte gallo-italienische Mundart wird noch von allen Schichten der Bevölkerung gesprochen. Wenn auch das Sizilianische noch wenig üblich ist, so geht die Mundart doch infolge des Einflusses des Sizilianischen und Italienischen langsamer Zersetzung entgegen.  
Suj.: [...] 35 [...] Sachlich und mundartlich vorzüglich." (Jaberg/Jud 1928, 133)

"838 [...] Bronte [...]
Gemeinde: [kein Hinweis auf Galloitalisch; Th.K.]
Suj.: [...] 30 [...] Mundartlich sattelfest, wenn auch hie und da  schriftsprachlich beeinflusst [...]" (Jaberg/Jud 1928, 133)

"865 [...] Aidone [...]
Gemeinde: [...] Die gallo-italische Mundart ist stark im Rückgang begriffen, da das Sizilianische auch von den Bauern im Verkehr mit den ‘Herren’  bevorzugt wird. Daher bestehen oft für dieselbe Sache mehrere Ausdrücke.  
Suj.: [...] 44 [...] Infolge beständigen Verkehrs mit den Bauern hat er die alte Mundart noch gut bewahrt." [...] die Sicherheit in der Unterscheidung des sizilianischen vom einheimischen Ausdruck lässt hie und da zu wünschen übrig." (Jaberg/Jud 1928, 134 f.)

"875 [...] San Michele die Ganzaria [...]
Gemeinde: [kein Hinweis auf Galloitalisch; Th.K.] [...] Die Mundart lehnt sich stark an das Gemeinsizilianische an [...]. 
Suj.: [...] 40 [...] Mundartlich und sachlich vorzüglich." (Jaberg/Jud 1928, 135)

Es werden teils Informationen über die sprachliche Situation der Gemeinde sowie des erhobenen Dialekts gegeben, teils über die Kompetenz der Informanten. Eine systematische Charakterisierung ihrer individuellen Kompetenz fehlt jedoch. Nicht zuletzt im Hinblick auf das durchweg vergleichsweise junge Alter der Informanten ist daher ist oft nicht klar, wie repräsentativ sie sind. So finden in drei von sechs Skizzen (P 817, P 836, P 865)  Hinweise auf den Bilinguismus des Punktes und im Fall von P 817 zudem auf den Bilinguismus des Informanten. Was ist jedoch genau gemeint, wenn es heißt, der Dialekt sei "stark im Rückgang" begriffen (P 865) oder ginge "langsamer Zersetzung" entgegen (P 836)? Bezieht sich  ‘Rückgang’ auf den Sprachwechsel der Bevölkerung und/oder auf die Einschränkung der Verwendungsdomänen? Betrifft die ‘Zersetzung’ den Dialekt als solchen oder die Kompetenz bestimmter Sprechergruppen usw.? Speziell im Hinblick auf Aidone (P 865) wüsste man gern, ob die Unsicherheit "in der Unterscheidung des sizilianischen vom einheimischen Ausdruck" ein individuelles Problem des Informanten darstellt, denn dieses Verhalten entspricht ja genau der allgemeinen Beobachtung, dass "oft für dieselbe Sache mehrere Ausdrücke" verfügbar sind: Dann wäre jedoch gerade der unsichere Informant repräsentativ und die Vorstellung einer stabilen Varietät von vornherein unangemessen usw. Das Prinzip des repräsentativen Einzelinformanten erweist sich bei ausgeprägter sprachlicher Dynamik als heillos überfordert.

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